Angekommen
„Da ist auch noch ein anderer Geruch in der Luft, der Geruch nach Feuern, die in der Ferne brennen, mit einem Hauch Zimt darin – so riecht das Abenteuer!“
Walter Moers
Wir. Sind. Da. Mehr noch als beim Verlassen unserer Wohnung mit meinem Backpack auf dem Rücken habe ich bei unserer Ankunft in Sri Lanka das Gefühl, dass diese Reise jetzt tatsächlich losgeht. Verrückt! So richtig glauben kann ich es irgendwie immer noch nicht…
Wir landen nachts um zwei Uhr in Colombo. Es herrscht eine Zeitverschiebung von 3,5 Stunden – uns war nicht klar, dass das möglich ist. Weil wir nach dem langen Flug keine Lust haben noch drei Stunden weiter nach Kandy (unser erstes Ziel) zu fahren, verbringen wir die Nacht (oder was davon übrig ist) in einer Unterkunft in Flughafennähe. In unserem Zimmer wimmelt es von Insekten. Jörn will nach Hause. Ich stelle fest, dass es keine Bettdecken oder Laken zum Zudecken gibt (was für mich unabhängig von der Temperatur eine Katastrophe ist) und freue mich, dass Beekes Seidenschlafsack von meiner Liste mit „Dingen, die ich vielleicht gar nicht brauche“ schon mal das Erste ist, was ich nicht umsonst mitgenommen habe.
Nach wenigen überwiegend schlaflosen Stunden stehen wir wieder auf, entscheiden uns aufgrund der beiden letzten durchzechten Nächte und entsprechend eher dünnem Nervenkostüm gegen den überfüllten Zug nach Kandy ohne Sitzplatzgarantie und nehmen stattdessen ein Uber. Jörn spendiert die dreieinhalbstündige Taxifahrt für 40€ (Ich stelle mir vor wie ich in Deutschland für 40€ die dreieinhalbstündige Strecke zu meiner Oma in Baden-Württemberg mit dem Taxi fahre und kann nur ungläubig den Kopf schütteln). Ich weiß gar nicht, wie ich den Verkehr beschreiben soll. Chaotisch. Aber ein Chaos mit System. Vorfahrtsregelungen werden nicht nur missachtet, sondern existieren auch nicht inoffiziell. Es fährt einfach jemand los und irgendwie passt es schon alles. Alle haben sich gut im Blick. Die Hupe wird als Warnsignal genutzt, aber das im Minutentakt. „Ich benutze meine Hupe manchmal wochenlang nicht“ hat Jörn irgendwann lachend kommentiert. Und so fahren wir nach Kandy.
Kandy gilt als die kulturelle Hauptstadt Sri Lankas. Hier haben wir ein Homestay bei einer Gastfamilie gebucht und treffen auf die herzlichsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Oshan lebt mit seinen Eltern, seiner Frau und seinem dreijährigen Sohn in einem Mehrgenerationenhaushalt und in ihrem Haus vermieten sie zwei Zimmer. Wir sind die einzigen Gäste und werden mit Tee und Keksen im Wohnzimmer begrüßt. Wir unterhalten uns über ihre Familie, Kandy, die singhalesische Kultur, das Schulsystem in Sri Lanka, wie sie und wir Corona erlebt haben und als Oshan sagt, dass er noch nie in Deutschland war, aber unbedingt mal nach Münster möchte, weil er gehört hat, dass das die allerschönste Stadt sein soll, schließe ich ihn endgültig ins Herz. Wir treffen uns zum Abendessen wieder und Jörn und ich essen unser erstes singhalesisches Gericht: Kottu – ein „not so spicy“ (very spicy!) One-Pot-Gericht mit Roti, Hühnchen, Reis, Ei, Gemüse und sehr sehr abgefahrenen Gewürzen („not so spicy“ wird der Kommentar von Oshans Mutter zu all ihren zauberhaften Frühstücksvariationen bleiben und ich werde mit tränenden Augen lachend den Kopf schütteln und mich fragen, wie zur Hölle man so etwas morgens direkt nach dem Aufstehen schon essen soll).
Für den nächsten Tag organisiert Oshan uns einen Tuk Tuk Fahrer der uns den ganzen Tag innerhalb von Kandy von A nach B bringen soll. So richtig begeistert sind wir davon nicht. Das kommt uns sehr tourimäßig vor. Normalerweise nehmen wir uns auf unseren Reisen einen Mietwagen oder Roller, um maximal flexibel und selbstbestimmt zu sein, aber in Sri Lanka gestaltet sich das schwierig. Die Tuktuks sind hier das Fortbewegungsmittel der Wahl, aber dafür ist zunächst eine Fahrstunde vonnöten. Hinzu kommt, dass der internationale Führerschein in Sri Lanka nicht anerkannt wird, sondern man eine singhalesische Fahrerlaubnis benötigt. Die zu bekommen ist entweder mit einem mind. sechsstündigen Behördengang oder zusätzlichen Kosten für den Tuk Tuk Verleih verbunden, die sich dann darum kümmern. Sowohl die Zeit als auch das Geld sind uns zu schade, zumal es tatsächlich günstiger ist für den ganzen Tag ein Tuktuk mit Fahrer zu mieten als selbst ein Tuktuk auszuleihen. Uns innerhalb von Kandy zu Fuß zu bewegen ist schlicht nicht möglich. Dafür wohnen wir viel zu weit außerhalb vom Zentrum in den Bergen und die Tempel, die wir uns anschauen wollen, liegen zu weit auseinander. Die öffentlichen Busse sind hoffnungslos überfüllt, hier quillen Menschen aus allen Türen und Fenstern, und es wäre mit vielen Umstiegen und einem zu hohen Zeitaufwand verbunden. Und unser Plan sich einfach treiben zu lassen und an der Straße ein Tuk Tuk anzuhalten, wenn wir eines benötigen, zerschlägt sich auch als Oshan zu bedenken gibt, dass auch das viel teurer wird als sich einfach für den gesamten Tag einen Fahrer zu buchen. Also gut. Um 9 Uhr steht also Janaka vor der Tür, um mit uns den Tag zu verbringen.
Wir beginnen mit dem Nelligala Tempel, einem buddhistischen Tempel auf der Spitze eines Berges, wo gerade eine Zeremonie stattfindet. Viel mehr noch als der Tempel beeindruckt mich die Elefantenstatue mit der darauf reitenden Frau, die über dem Abgang zu schweben scheint.


Danach schauen wir uns den Botanischen Garten von Kandy an. Da am Tag zuvor der Weltkindertag in Sri Lanka gefeiert wurde, holen die Schulen dies nun nach und stürmen an diesem Montag in den Botanischen Garten. Es wimmelt nur so von Kindern, alle winken, die mutigeren sprechen uns an. Wir stechen hervor, sehen prinzipiell in Kandy kaum andere Touristen. Es ist allerdings auch gerade Regenzeit. Abgesehen von ein bis zwei kurzen Schauern am Tag bei wärmsten Temperaturen merken wir davon bisher allerdings nichts und fühlen uns kein bisschen eingeschränkt.




Anschließend besuchen wir Kandys etwa 25m große Bahiravokanda Vihara Buddha Statue, die von überall in Kandy aus sichtbar ist.



In einem ominösen Hinterhof, in dem wir ohne Oshans Tipp niemals gelandet wären, finden wir ein Lokal, wo wir eine weitere singhalesische Spezialität zu Mittag essen: Lamprais – Reis mit verschiedenen Currys im Bananenblatt dampfgegart.



Den Zahntempel schauen wir nur von außen an, während wir um den Kandy Lake spazieren. Hier befindet sich die am meisten verehrte Reliquie der buddhistischen Singhalesen: Der linke Eckzahn des historischen Buddhas Siddharta Gautama. Nachdem dieser in Indien verbrannt worden war, wurden aus seiner Asche der Knochen eines Schlüsselbeins und vier Zähne geborgen, von denen nun einer im Tooth Temple Kandys aufbewahrt wird. Dreimal täglich kann man sich während der Puja-Zeremonien in die Schlange der Gläubigen und Pilger einreihen, um die Schatulle zu betrachten, in welcher der heilige Zahn liegen soll.


Am nächsten Tag unternehmen wir einen Tagesausflug nach Sigiriya. Wieder fährt uns Janaka. Wieder wartet er jedes Mal, wenn wir irgendwo anhalten und uns etwas anschauen wollen, geduldig ab, bis wir weiter möchten. Wieder fühlen wir uns dabei irgendwie komisch. So fremdbestimmt. Obwohl wir ja die sind, die entscheiden. Aber irgendwie bewegen wir uns nicht so frei wie sonst. Ich weiß auch nicht. Vielleicht ist es eine Frage des Typs oder der Haltung. Unsers ist diese Art zu reisen jedenfalls nicht.
Wir starten mit dem hinduistischen Tempel Sri Muthumariamman in Matale. Wie auch schon im vergangenen Jahr in Malaysia beeindruckt mich vor allem die Farbenvielfalt. Wie allen anderen Tempel auch betreten wir ihn barfuß mit bedeckten Knien und Schultern.


Danach besichtigen wir einen Herbal Garden, wo Kosmetikprodukte und Medikamente aus pflanzlichen Inhaltsstoffen hergestellt werden. Kurz bin ich versucht, mir ein Öl gegen Migräne zu kaufen, mit welchem die Schläfen eingerieben werden, da „normale“ Medikamente bei mir seit Jahren nicht (ausreichend) wirken, verwerfe den Gedanken aber wieder. Ich versuche meinen Rucksack gerade eher zu erleichtern anstatt noch was reinzupacken.

Kurz vor Sigiriya besichtigen wir noch den buddhistischen Cave Temple in Dambulla – den größten und am besten erhaltenen Höhlentempelkomplex in Sri Lanka. Es sieht von außen wie innen gleichermaßen beeindruckend aus und die Aussicht auf die umliegende Landschaft ist einfach nur atemberaubend schön.




In Sigiriya angekommen war es dann endlich Zeit für unser eigentliches Ziel und den Höhepunkt des Tages: Der Lion Rock! Er ist eines der Wahrzeichen Sri Lankas und ehemalige Festung mit einem Löwentor an der Nordseite des Felsens – daher der Name. Da ich noch nie verstanden habe, warum man die Dinge besteigt, die man doch anschauen möchte, haben wir uns gegen eine Wanderung auf den Lion Rock entschieden und stattdessen den Pidurangala direkt daneben bestiegen. Der Aufstieg war ziemlich steil und am Ende war ein wenig Kletterkunst gefragt, aber es hat Spaß gemacht und der Ausblick war einfach unbezahlbar.




So ihr Lieben. Das waren unsere ersten Tage. Fazit: Wir haben noch nicht so richtig unseren Groove gefunden. Wir merken, dass wir unabhängiger reisen möchten. Der weitere Plan war eigentlich nach Nuwara Eliya zu fahren (Oshan empfiehlt einen persönlichen Fahrer, haha, der soll uns auf dem Weg dorthin die ganzen Teeplantagen und Wasserfälle zeigen). Nach einer Nacht sollte es dann weiter nach Ella gehen. Wir merken aber auch, dass wir zu viel unterwegs sind. Was wir in den vergangenen Tagen an Kilometern gemacht, an Abgasen eingeatmet und an Dingen angeschaut haben…. Daher haben wir entschieden Morgen direkt mit dem Zug von Kandy nach Ella durchzufahren. Dort fünf Tage lang zu bleiben. Ella und Umgebung auf eigene Faust zu erkunden und nicht zu verlassen. Das fühlt sich richtig an. Wir freuen uns!
Ob alle Blogbeiträge immer so ausführlich werden, kann ich noch nicht sagen. Dieser hier wird auch vermutlich erst morgen online gehen, einfach weil ich keine Lust mehr habe heute noch die ganzen Bilder einzupflegen 🙂
In diesem Sinne: Gute Nacht!



2 Kommentare
Lena
Sehr gute Abendlektüre nach viiiiel zu langer, wie immer verspäteter Reise mit der DB nach Stuttgart…
Viel Spaß euch 🙂
Sabine Alexander
Ich freu mich, daß du deine Erlebnisse mit uns teilst….ist so ein bischen, als wäre man dabei. Viel Spaß noch