Dschungel Alltagsbanalitäten
„Grün, grün, grün sind alle meine Kleider.
Hoffmann von Fallersleben & Ernst Richter
Grün, grün, grün ist alles, was ich hab.“
Seit Tagen schon spukt mir dieses alte Kinderlied durch den Kopf, das ich früher immer mit meiner Oma gesungen habe. Ich höre die Insel förmlich dieses Lied trällern! Ich habe schon wirklich oft in meinem Leben geglaubt, ich sei an dem grünsten Ort angekommen, den ich jemals gesehen habe. 2015 dachte ich das von Irland. Dann war ich auf Bali. Dann im australischen Regenwald. Sri Lanka toppt das ALLES.
Nach unserer Zeit in Kandy machen wir uns wie geplant mit dem Zug auf den Weg Richtung Ella. An diesem Tag ist der Weg das Ziel, denn die Fahrt dorthin soll eine der schönsten Zugstrecken der Welt sein. Am Schalter kauft Jörn uns zwei Tickets für die zweite Klasse: Für die knapp siebenstündige Fahrt nach Ella zahlen wir 3,80€ für uns beide zusammen. Die erste Klasse hätte sicherlich etwas mehr Komfort zu bieten, allerdings sind da aufgrund der Klimaanlage alle Fenster und Türen geschlossen und wir wollen die Fahrt unbedingt bei offenen Türen und Fenster miterleben. Oshan erzählte noch, dass sich die Menschen in Sri Lanka auch häufig einfach auf den Zug setzen, wenn es in den Abteilen keinen Platz mehr gibt. Das sei hier völlig normal. Wie cool, das will ich auch ausprobieren!, denke ich noch, bevor er nachschiebt: „Yes, just last week a man died, when he fell down.“ Ok. Vielleicht doch nicht.




Am Bahnsteig gibt es für jede Klasse eine eigene Toilette, was dem Ganzen irgendwie einen unangenehmen Beigeschmack gibt. Natürlich gehen auf die Toilette für die erste Klasse nur Weiße. Mit nur wenigen Minuten Verspätung rollt der Zug ein. Jörn und ich verstauen unsere Backpacks am anderen Ende des Abteils in den Ablagefächern und hoffen auf ein späteres Wiedersehen. Wir ergattern zwei Gangplätze nebeneinander, wenig später tauscht Jörns Sitznachbar sogar mit mir den Platz.


Die Zugfahrt ist ein einziges Highlight! Mit gemütlichen 30km/h zockelt der Zug in Richtung Sri Lankas Hochland und ich kann mich nicht satt sehen an den Landschaften da draußen. Berge, Reisfelder, Teeplantagen… Ich starre so lange aus dem Fenster, bis ich irgendwann das Gefühl habe, dass neben Grün keine andere Farbe auf dieser Welt existiert. Neben den Schienen laufen und stehen immer wieder Leute, wir fahren durch Dörfer, in denen die Kinder schon am Bahnübergang warten und begeistert rufen und winken. Wenn man bedenkt, dass täglich zwei Züge von Kandy nach Ella fahren und es andersherum vermutlich genauso ist und dann womöglich noch andere Züge diese Strecke nutzen, muss man sich schon fragen, wie eintönig der Alltag wohl ist bei derartigen Begeisterungsstürmen, die der Zug auslöst.



Zwischendurch hält der Zug mitten im Nirgendwo an. Dann kommt irgendwann ein anderer Zug angefahren, der neben unserem zum Stehen kommt. Und plötzlichen strömen die Leute aus den Türen, um umzusteigen. Viele laufen die ein, zwei Schritte zwischen den Zügen und lassen sich dann hochziehen, die Mutigeren springen einfach hinüber. An den Bahnsteigen preisen Händler Snacks und Getränke an. Im Zug selbst sind sie auch unterwegs, einer verkauft sogar Samosas. Da Oshan uns zuvor ausdrücklich vor dem Essen im Zug gewarnt hat (was unnötig war, da es wirklich nicht appetitlich oder einladend aussieht) , lehnen wir dankend ab. Die Panorama-Strecke zwischen Nuwara Eliya und Ella (ca. die letzten zwei Stunden) erleben wir leider nur im Nebel. Aber Panorama würde es die kommenden Tage noch genug geben.



Als wir in Ella ankommen, wird es schon wieder dunkel. Hell ist es hier ungefähr von 6 Uhr morgens bis 18 Uhr abends. Ella ist ein kleiner Backpacker Ort mitten im Hochland Sri Lankas. Es gibt eine einzige Straße, die sich an den Fuß der Berge schmiegt, und an die sich kleine Läden, Cafés und Lokale reihen. Unsere Unterkunft ist ein klein wenig außerhalb in den Bergen. Wir sind so richtig im Dschungel. Am nächsten Morgen erwachen wir mit dem schönsten Panorama auf den Ella Rock und sein kleinen Bruder, den Little Adam’s Peak.
In Ella erleben wir dann so richtig, was Regenzeit in Sri Lanka bedeutet. Nachdem wir eine Wanderung aufgrund des Wetters abbrechen mussten, haben wir irgendwann heraus, dass es vormittags sonnig und trocken ist und es dann ca. ab 12.30 Uhr anfängt zu schütten, bis der Tag zu Ende ist. Also stehen wir morgens früh auf, um Ella und Umgebung zu erkunden, und verbringen viele gemütliche Spielenachmittage mit Milchshakes, Kuchen und Gin Tonic Happy Hour um 17 Uhr in unserem Lieblingscafé, während draußen der Regen auf die Straße prasselt. Und abends schlemmen wir uns durch die verschiedenen Currys der singhalesischen Küche.









Die vielen alltäglichen Banalitäten sind für uns alle so aufregend! Diese Kühe, die überall frei herum laufen. Die Kleidung der Leute. Und wenn wir von unserer Unterkunft in den Ort wollen, laufen wir über die Bahnschienen – einfach weil das hier alle so machen. Es ist viel kürzer als die Straße zu nehmen, und macht auch einfach mehr Spaß! Sich abends im Stockdunkeln mit Handtaschenlampe zurückzutasten hat auch bis zum letzten Abend nicht aufgehört gruselig zu sein.





Unsere erste Wanderung führt uns zur berühmten Nine Arches Bridge. Auf dem Weg dahin warnen uns ein paar Locals vor irgendwas. Wir verstehen „leaves“ (Blätter) und stellen uns zugewucherte Wege vor. „Das geht schon“ geben wir freundlich nickend zurück und laufen weiter. An der Brücke treffen wir dann zahlreiche Menschen mit blutenden Beinen und Knöcheln. „Hat Euch kein Blutegel (leeches=Egel) erwischt?“, fragt eine Holländerin und wir schauen erschrocken an uns herunter. Glück gehabt! Zurück laufen wir dann lieber über die Schienen nach Ella hinein und fragen uns noch, warum das sonst niemand tut – bis wir den Tunnel erreichen. Und jetzt? Wenn ein Zug kommt, während wir drin sind, wirds richtig eng. Aber umdrehen und wieder durch den Blutegel-Dschungel laufen möchten wir auch nicht. Also: Rennen! Den restlichen Weg nach Hause pfeife ich „Stand by me“, weil der ganze Tag mich so sehr an diesen Film erinnert. Als wir zurück sind, und Wanderschuhe und Socken ausziehen, entdeckt Jörn tatsächlich zwei Blutegelbisse. Die Dinger sind zum Glück ungefährlich (aber verdammt ekelig!) und lassen sich von alleine wieder fallen, wenn sie vollgesogen sind, geben aber ein blutverdünnendes Mittel ab, um besser an ihre Nahrung zu kommen, weswegen es bis zu 24 Stunden dauern kann, bis die Wunde aufhört zu bluten. Jörn hat also eine ganze Weile Spaß damit…




An einem anderen Tag wandern wir auf den Little Adam’s Peak (ja, genau, nicht auf den Ella Rock, den wollen wir schließlich sehen 😉 ). Bereits im Ortskern schließt sich uns einer der vielen Straßenhunde an. Jörn hält anfangs skeptisch Abstand und wartet darauf, dass die Hündin wieder verschwindet – tut sie aber nicht. Wenn wir stehen bleiben, um etwas zu trinken oder Fotos zu schießen, wartet sie geduldig, und wenn wir laufen, weicht sie uns nicht von der Seite. Selbst das Hundefutter einer anderen Touristin lässt sie links liegen. Irgendwann nenne ich sie Katie und nehme sie offiziell in unsere Reisegruppe auf. Tatsächlich läuft sie mit uns den gesamten Weg bis zum Gipfel inkl. aller Pausen. Ich bin tatsächlich etwas traurig, als unsere Wege sich später wieder trennen.



Jörn fragt mich irgendwann mal, ob ich für Nepal (dort treffe ich mich nach den Herbstferien mit meiner Cousine, wenn Jörn wieder nach Hause muss) eigentlich ein Visum brauche. „Keine Ahnung“, erwidere ich achselzuckend, „ich glaube da gibt’s einfach Visa on arrival.“ Wie sich herausstellt (bzw. Jörn herausfindet) brauche ich für die Einreise in Nepal ein Passfoto und 50€ In bar. Weder das Eine noch das Andere habe ich dabei. Manchmal wünschte ich, ich wäre privat nur halb so sehr Strukturelena wie auf der Arbeit. Nachdem beide Banken im Ort sich geweigert haben Rupien anzunehmen und in Euro oder Dollar umzutauschen, treffe ich abends beim Essen – wie es der Zufall so will – eine deutsche Seniorinnenreisegruppe. Und eine hat tatsächlich 50€ dabei und tauscht mit mir. Das mit dem Passfoto regle ich dann irgendwie in Kathmandu am Flughafen. Einige Seiten sagen dort stehe ein Passfoto-Automat. Andere Seiten verneinen das. Wird schon werden!
So. Was soll ich sagen? Wir sind angekommen. Wir haben unseren Groove gefunden. Wir bewegen uns hier endlich eigenständig und leben einfach in den Tag hinein. Wir haben ein Stammcafé und herausgefunden, wo im Ort es das beste Curry gibt. Trotzdem sind wir auch nicht böse, wenn es weitergeht. So sehr wir den Alltag im Dschungel genießen, sind diese Blutegel doch eine richtige Plage. Gestern haben wir sogar zwei bei uns im Zimmer entdeckt. Von den Fröschen im Bad, Motten und Käfern im Schlafzimmer und Schneckenschleimspuren auf den Handtüchern fange ich gar nicht erst an.
Wir reisen jetzt einfach dem guten Wetter hinterher – soweit vorhanden. Bis dahin 🙂



3 Kommentare
Steffi
🙂
Jörn
❤️❤️❤️
Jenny
Was für ein Abenteuer!? Ich bin begeistert!
Vielen Dank für diese Reise, es ist wirklich so, als wäre man mit dabei.
Viele Bilder, Gedanken und Emotionen begleiten mich, wenn ich all diese Blogbeiträge lese und freue mich auf mehr…
Bitte passt gut auf Euch auf <3