Straßengewuselei
„Gegen Zielsetzungen ist nichts einzuwenden, sofern man sich dadurch nicht von interessanten Umwegen abhalten lässt.“
Mark Twain
Nepal hatte ich nicht auf dem Zettel. So gar nicht. Sich dort mit Franzi zu treffen, ist aus einer Laune heraus entstanden, da sie nicht direkt mit dem „Kulturschock Indien“ starten wollte. Wir dachten an ein paar Tage. Spoiler: Es wird länger….! 🙂

Kathmandu empfängt uns laut, chaotisch und bunt! Unsere Unterkunft liegt mitten im trubeligen Thamel, dem touristischen Zentrum und Ausgehviertel der Stadt. Unzählige Souvenirläden und Shops mit Pullovern aus Yakwolle, bunten Taschen und Kleidern sowie Trekkingbekleidung säumen die schmalen Straßen. Dazwischen Cafés und Lokale, zahlreiche Tourenanbieter und Guesthouses. Das Gewusel auf den staubigen, vollgestopften Straßen ist unglaublich. Da für Bürgersteige kein Platz bleibt, nehmen Fußgänger einfach gemeinsam mit den unzähligen Autos, Mopeds und Rikschas am ganz normalen Straßenverkehr teil. In der Regel bekommt man ja nach einigen Tagen ein Gefühl dafür, wie die Dinge laufen, aber mich zu Fuß in Kathmandus Straßen zu bewegen kam mir bis zuletzt lebensgefährlich vor.




In Sri Lanka war der Verkehr auch chaotisch – aber er hat irgendwie funktioniert. Hier in Nepal kommt er ständig ins Stocken, mit dem Auto ist ein Durchkommen kaum möglich – da ist man zu Fuß viel schneller unterwegs. Wenn wir etwas fußläufig nicht erreichen können, nehmen wir daher immer zwei Motorradtaxen. Das ist jedes Mal mit etwas Nervenkitzel verbunden, da nur Franzi eine nepalesische Simkarte hat, und wenn wir nicht beide am selben Ort wieder rauskommen, bin ich erstmal weg. Davon abgesehen liebe ich aber dieses Gefühl von Freiheit, wenn wir auf dem Moped durch die Gegend brausen. Ich feiere auch sehr nicht selbst fahren zu müssen, sondern den Blick während der Fahrt schweifen lassen zu können. Überall wehen die vielen bunten buddhistischen Gebetsfahnen im Wind und egal in welche Richtung man schaut – der Hintergrund ist stets von einer beeindruckenden Bergkette gesäumt. Zusätzlich ist die Stadt im Dunkeln aktuell noch von zahlreichen Lichtern wunderschön beleuchtet. Nepal feiert nämlich gerade das Bada Dashein – das wichtigste nepalesische Fest. 15 Tage lang zelebrieren die hinduistischen Nepalesen den Sieg des Guten über das Böse, weshalb viele zu ihren Familien auf das Land fahren und Kathmandu gerade nicht so voll sein soll. Wenn das nicht so voll ist, mag ich mir kaum vorstellen, wie es hier sonst aussieht.


Wir verbringen hier in Kathmandu mehrere Tage und lassen die Stadt auf uns wirken. Wir schlemmen uns durch die nepalesische Küche, trinken massenhaft Honey Latte (Latte Macchiato mit Honig aus dem Himalaya) und schlendern über den Asan Markt und durch die Mandala Street (autofreie Straße mitten in Thamel).






Auch ein paar Tempelbesuche dürfen nicht fehlen – uns gefallen die gold-weißen buddhistischen Tempelanlagen deutlich besser, als die knallbunten, häufig sehr überfrachteten hinduistischen Tempel. Dabei gilt: Die Tempel werden immer im Uhrzeigersinn umrundet!








Eine von vielen Kuriositäten, die uns begegnet, ist die Living Goddess (Kumari Devi) – ein Mädchen, von dem angenommen wird, dass eine Göttin in ihr wohnt. Im Alter von zwei bis sechs Jahren wird sie von einem Gremium ausgewählt, ihr Äußeres muss 32 verschiedene Kriterien der Makellosigkeit erfüllen. Wenn sie dann noch eine zeremonielle Tierschlachtung und eine Nacht alleine im Tempel übersteht, ohne Angst zu bekommen, wird sie zur nächsten Kumari erklärt. Was bedeutet, dass sie aus ihrer Familie genommen wird und fortan im Tempel leben muss, Besucher segnet und eine Kindheit in völliger Abgeschiedenheit verbringt. Ihre Familie sieht sie ca. einmal wöchentlich, den Tempel darf sie so gut wie nie verlassen und wenn doch, dürfen ihre Füße nicht den Boden berühren. Sobald sie beginnt zu menstruieren, verlässt die Göttin dem Glaube nach ihren Körper wieder und das Mädchen darf zu ihrer Familie zurückkehren, muss jedoch ein Leben in Enthaltsamkeit führen. Und dann wird ein neues Kind ausgewählt… Einmal täglich schaut die Kumari am Durbar Square aus dem Fenster ihres Tempels und zeigt sich den Menschen für 30 Sekunden. Fotos zu machen ist strengstens verboten, darauf wird penibel geachtet. Als ich dem aktuell neunjährigen Mädchen in ihr stark geschminktes Gesicht schaue, kann ich darin nichts Göttliches erkennen. Sie sieht vor allem sehr gelangweilt aus. Und ich finde das Ganze einfach nur traurig.



Ansonsten lernen wir Leute kennen: Tony (57) aus England, der gerade stolz wie Bolle vom Mount Everest Base Camp zurückkommt, mit jemandem anstoßen möchte und uns auf ein Bier einlädt. Lukas aus Tschechien, der entgegen ärztlichen Rats mit seiner neuen Hüfte (Motorradunfall) mehrere Tage im Annapurna Gebiet wandern war – und auch spannende Geschichten aus Indien zu berichten hat. Mutter und Tochter aus Polen, die ohne jegliche Erfahrung zwei Wochen auf eigene Faust im Everest Gebiet wandern wollen (das einzige Gebiet in Nepal, für das keine Permit und kein Guide benötigt wird) – mutig? Leichtsinnig?
Ich liebe ja die Gespräche mit den Locals, aber es macht einfach auch so viel Spaß, mit anderen Reisenden ins Gespräch zu kommen. Leute, die ähnlich ticken. Nachvollziehen können, was Dich antreibt. Dich in dem, was Du tust, bestärken, einfach nur indem sie Deine Begeisterung dafür teilen.


Und dann ist da noch Mahatma. Der Bekannte einer Arbeitskollegin, die von Zuhause aus den Kontakt hergestellt hat. Mahatma holt uns an einem Morgen ab und verbringt mit uns den Tag. Er zeigt uns Orte, die etwas außerhalb von Kathmandu liegen, unter anderem einen Aussichtspunkt mit Blick auf den Everest in Nagarkot. Leider haben wir Pech mit dem Wetter und es ist so bewölkt, dass der Everest nicht zu sehen ist…

Wir löchern Mahatma mit Fragen zur Kultur und den verschiedenen Religionen Nepals, zu Traditionen, Bräuchen, Land und Leute. Er erzählt bereitwillig und beantwortet geduldig all unsere Fragen. Es ist so spannend und jede Antwort wirft mindestens fünf neue Fragen auf.
Das Faszinierendste für mich ist der letzte Abend in Kathmandu: Wir fahren raus zum Pashupatinath Tempel und mischen uns am Heiligen Fluss Bagmati unter die Menge. Und im Licht der untergehenden Sonne werden wir Zeugen von der rituellen Waschung und Verbrennung der Toten, die hier täglich stattfindet. Hier verbrennen die Hindus begleitet von Musik, Jubel und Gesang ihre verstorbenen Angehörigen im Beisein der gesamten Familie, nachdem sie mit dem Wasser des heiligen Flusses die Sünden der Verstorbenen fortgewaschen haben. Welch kulturelle Unterschiede im Umgang mit dem Tod.




Als wir an diesem Abend nach Hause kommen, bin ich vollkommen überwältigt. Überwältigt von den Eindrücken des Tages, dieses Landes, der ganzen bisherigen Reise. Wie soll all das jemals ausreichend Raum finden, um sacken zu können? Und gleichzeitig bin ich so ergriffen von Ungläubigkeit und Dankbarkeit all das erleben zu dürfen. Was für ein unfassbares Privileg…

Wir verlassen Kathmandu nun in Richtung Pokhara. Eigentlich hatten wir dabei an ein paar entspannte Tage am See mit Bergpanorama gedacht. Stattdessen scheint es an der Zeit zu sein für einen neuen kleinen Mutausbruch. Aber dazu im nächsten Beitrag mehr…



5 Kommentare
Steffi
Ich glaub jetzt bin ich up to date. Wann kommt der nächste Bericht? 🙂
Jörn
Wahnsinn!!! Ich hoffe ihr könnt den Everest zu einem späteren Zeitpunkt noch sehen 😘
Hanna
Ich habe schon sehnsüchtig gewartet :D! Das heißt, die Einreise inkl. Passfoto hat gut geklappt :)?
Elena
Haha, stimmt, das hätte ich noch dazu schreiben können. Die Einreise war völlig unproblematisch 🙂 Franzi konnte die Anträge fürs Visum schon von Zuhause aus online stellen und Passfotos mit hochladen, hat sie dann auch für mich erledigt. Und die 50€ in bar hatte ich ja dann dabei 😀
Tina
Wahnsinn, was ihr erlebt! Freue mich schon auf weitere Blogbeiträge! 😗