Am Saum des Himmels


„Das haben wir noch nie versucht! Also geht es sicher gut.“

Pippi Langstrumpf


Okay…
Das war nicht geplant.

Wir werden im Himalaya wandern gehen. Ohne Vorerfahrung. Ohne entsprechende Ausrüstung. Das hat nun wirklich niemand kommen sehen.
Nepal war ursprünglich als kurzer Zwischenstop geplant. Um dort Franzi zu treffen. Wir hatten gar nicht vor dieses Land großartig zu bereisen. Ich habe nur Sommersachen dabei. In den Bergen wird es kalt. Franzi hasst wandern. Ich mache das im Urlaub schon mal ganz gerne, aber dann sprechen wir von einer Tageswanderung. Die ich meist ganz professionell in meinen weißen Sneakern absolviere – am liebsten ab 12 Uhr in der Mittagshitze.
Aber der Bruder unseres Gastgebers in Kathmandu, der Trekkingtouren organisiert, lässt nicht locker. Erzählt vom viertägigen Poon Hill Trek in den Ausläufern des Annapurna – einem der Achttausender im Himalaya. Der von Pokhara aus startet, wo wir eh hin wollen. Und irgendwie steckt seine Begeisterung uns an…

Und so sitzen wir plötzlich in seinem Büro. Beantragen die benötigte Permit mit Reisepass und Passfotos (die Franzi mir zum Glück mitgebracht hat) und einen zertifizierten Guide (ohne darf man seit dem 1. April diesen Jahres in Nepal nicht mehr wandern gehen). Haben einen kleinen Mutausbruch. „Wir haben noch nie in unserem Leben eine mehrtägige Trekking Tour gemacht. Und dann direkt im Himalaya?“ gebe ich Franzi gegenüber zu bedenken. „Na und? Du hast doch auch beim Bungee Jumping direkt den höchstmöglichen Sprung in Südafrika gemacht. Warum dann nicht das erste Mal Trekking im Himalaya? Wo ist da der Unterschied?“ gibt sie zurück. Wo sie Recht hat… Wir sind hier schließlich in Abenteuerlaune!

Wir rückversichern uns noch, dass wir keinen warmen Schlafsack oder Winterkleidung benötigen, und dann ist alles eingetütet. „Don’t worry. All German are good hikers!“ versichert er uns noch. Na dann.

In unserer Unterkunft gehen wir unsere Sachen durch. Wanderschuhe haben wir zum Glück beide mitgenommen. Da hört es dann aber auch direkt schon wieder auf. „Hast du irgendwas dabei, das annähernd an Trekkingbekleidung heran kommt?“ fragt Franzi mich. So etwas besitze ich nicht mal. „Ich habe ein Sportshirt und eine Yogahose!“ Lachend halte ich beides in die Höhe. „Gut, ich auch nicht.“, grinst Franzi. „Was ist mit Wandersocken und einer Multifunktionsjacke? Zumindest das habe ich mit.“ Fragend schaut sie mich an. Ich betrachte meine dünne Windjacke und schüttle den Kopf. Ich habe stinknormale Socken, einen einzigen Pullover (Baumwolle) und einen billigen Regenponcho dabei. Ich war auf Sommer eingestellt. Wir müssen beide lachen. „Wird schon gehen“, sind wir uns einig. Natürlich könnten wir uns hier vor Ort haufenweise mit Trekking Sachen einkleiden. Aber wir werden nichts davon nach diesen vier Tagen nochmal brauchen. Haben beide keinen Platz mehr in unserem Backpack. Es muss so gehen.

Und so starten wir nach Pokhara. Mit viel Aufregung im Bauch, weil aus diesen vielen entspannten Tagen am See nun nur zwei Tage und dann ein kleines Abenteuer werden.


Nachdem wir fast den Bus verpasst haben, da unser Taxi zwei Mal die falsche Location angesteuert hat, schaukeln wir von Kathmandu nach Pokhara. Anders kann man es wirklich nicht nennen. Die Straßenverhältnisse sind der Wahnsinn! Unbefestigte Straßen, riesige Schlaglöcher, Geröll und eigentlich kein Platz für Gegenverkehr. Zwischendurch fallen Dinge aus den Gepäckfächern über unseren Köpfen und immer wieder heben wir ungelogen komplett von unserem Sitz ab. Einmal stoße ich mir dabei heftig den Kopf, dabei sind nach oben bestimmt 30cm Platz! Ich wundere mich, dass die Achsen nicht brechen. Für die 200km von Kathmandu nach Pokhara benötigen wir schlappe 10,5 Stunden.


Immer wieder kommen uns Busse und Transporter entgegen, die Gepäck auf dem Dach haben. Einmal ist es sogar eine Ziege! Ich frage mich, wie sie es anstellen, dass nichts davon herunterfällt oder die Ziege sich nicht alle Knochen bricht. Auch ein Motorrad mit zwei Männern kommt vorbei, von denen der hintere eine Ziege auf dem Schoß hält! Mahatma hat uns erzählt, dass für das anstehende Dashein auf den Dörfern oft pro Familie eine Ziege geschlachtet und das Fleisch während der Feiertage verzehrt wird. Ich betrachte die Ziege auf dem Motorrad, die eigentlich ganz genügsam aussieht und wohl keine Ahnung davon hat, was ihr blüht.

Pokhara selbst wirkt wie ein gemütlicher, kleiner Ferienort, der direkt an dem wunderschönen Phewa See gelegen ist. Alles ist sehr idyllisch. Tatsächlich ist Pokhara aber nach Kathmandu die zweitgrößte Stadt Nepals, von der wir offensichtlich nur eine kleine Ecke zu sehen bekommen. Aber das macht nichts. Uns gefällt es hier. Das viele Grün, der See und die kaum befahrenen Straßen sind eine willkommene Abwechslung nach den viel zu engen, staubigen und lärmenden Gassen Kathmandus – wobei auch das seinen Charme hatte.

Der wunderschöne Phewa Lake

Leider haben wir von Pokhara nicht viel. Franzi und ich haben uns beide eine dicke Erkältung eingefangen und verbringen die Tage hier völlig k.o. und mit Gliederschmerzen überwiegend im Bett. Und haben genau zwei Tage, um wieder einigermaßen fit zu werden, bis unsere Trekking Tour startet! Morgens und abends schleppen wir uns zum Frühstück und Abendessen irgendwo hin, gehen tagsüber mal ein Stündchen am See spazieren. So zumindest der erste Tag.

Als wir am zweiten Tag beschließen, zumindest etwas von Pokhara sehen zu wollen, suchen wir uns die World Peace Pagode heraus, die auf einem Hügel über der Stadt trohnt und einen grandiosen Ausblick auf den See und die umherliegenden Berge bieten soll. Man kann wohl auf verschiedene Arten zur Pagode gelangen können: Zu Fuß (zweistündige Wanderung), mit dem Taxi oder man fährt mit dem Boot schon mal über den See und startet von da aus. Och, mit dem Boot über den See schippern klingt irgendwie ganz nett denken wir und beschließen, dann von der anderen Seite aus ein Taxi zu nehmen. Wandern sehen wir uns aktuell definitiv nicht. Und so ziehen wir mit unseren Flipflops los.

Mit dem Boot über den Phewa Lake

Kleine Insel mit Tempel mitten auf dem See

Was wir nicht wussten: Wenn man mit dem Boot den See überquert, erreicht man keine befestigte Straße mehr und kann nur noch zu Fuß den Hügel hinauf. Von da aus immerhin nur noch 45 Minuten. Da unverrichteter Dinge zurückzukehren keine Option ist, stiefeln wir mit unseren Flipflops den unbefestigten Weg durch den Wald nach oben. Es ist heiß. Sehr heiß. Völlig nass geschwitzt kommen wir oben an – wo ein ordentlicher Wind pfeift und wir in den nassen Sachen sofort anfangen zu frieren. Na, das ist ja alles ganz grandios gelaufen.

Neues Level an passendem Wander-Schuhwerk

Der Ausblick entschädigt uns aber sehr. Das goldene Dach der Pagode glitzert in der untergehenden Sonne, der Blick auf Pokhara und den See ist atemberaubend schön und im Hintergrund türmen sich die schneebedeckten Gipfel des Himalaya. Pokhara von oben ähnelt im Prinzip dem Blick auf Kathmandu vom Nargakot Aussichtspunkt aus: Unzählige hohe Gebäude direkt nebeneinander. Die flachen Dächer säumen bunt bestückte Wascheleinen und riesige Wassertanks sowie Kinder, die dort oben ihre farbenfrohen Drachen steigen lassen.

World Peace Pagoda

Blick auf Pokhara und den Phewa Lake – im Hintergrund die Berge

Natürlich wandern wir auch wieder zurück, dann das Boot wartet. Inzwischen ist es dunkel. Natürlich haben wir nicht unsere Stirnlampen dabei. Stattdessen behelfen wir uns mit unseren Handytaschenlampen und stolpern in unseren Flipflops und frierend mit unseren Schniefnasen über Wurzeln und Löcher im Waldboden zurück zum See. Nunja. Das war so nicht geplant, aber schön war’s trotzdem!

Wir starten unseren Trek also beide topfit! Erkältet und zusätzlich mit angeschlagenem Magen. Wuhu!

Wir sind eine Vierergruppe. Um 6.15 Uhr morgens treffen wir uns mit unserem Guide Santa und den zwei weiteren Frauen (Leo aus Bayern und Stephanie aus Kanada) zum Frühstück und danach geht es los. Unsere großen Backpacks konnten wir in unserer Unterkunft zwischenlagern, unsere kleinen „Tagesrucksäcke“ haben wir so gut wie möglich vollgestopft mit den Sachen, die wir für die nächsten Tage brauchen. Die sind einfach viel zu klein für sowas, aber etwas anderes haben wir nicht. Santa erkundigt sich, ob wir unsere Schlafsäcke haben. „Welche Schlafsäcke? Wir haben extra gefragt und uns wurde gesagt es würde nicht so kalt werden und die Unterkünfte hätten warme Decken…?“ Santa schüttelt den Kopf. Wie sich herausstellt, wären warme Schlafsäcke dringend nötig gewesen. Nachts werden es bis zu -10 Grad kalt, die Unterkünfte sind nicht beheizt und man bekommt eine Decke, die nicht ausreichend warm hält. Wir schauen bei einem Trekkingverleih eine Straße weiter vorbei (hätten wir mal gewusst, dass es sowas gibt!), wo Leo sich gestern einen dicken Schlafsack für die kommenden vier Tage ausgeliehen hat, aber er hat noch geschlossen. Zum xten Mal sagen wir uns „Na gut, dann muss es eben so gehen“, aber nachdem das anfangs noch lustig gewesen ist, kommen allmählich schon echte Sorgen auf, zumal wir eh schon krank sind. Waren wir ein bisschen zu übermütig? Naja. Jetzt ist es zu spät. Wir ziehen einfach alles an, was wir haben. Santa drückt jedem noch eine Packung Chlortabletten in die Hand, damit wir in den Bergen das Leitungswasser trinken können, und dann geht es los.

Mit dem Jeep fahren wir ein gutes Stück in die Berge hinein bis nach Hile, dem Startpunkt der Wanderung. Motiviert schießen wir noch ein Gruppenfoto, dann geht es los. Und dann geht es über Stunden steile Stufen hoch. Es ist wahnsinnig anstrengend! Und die Rucksäcke sind sooo schwer. Und vom Tragekomfort einfach nicht auf eine mehrtägige Wanderung ausgelegt. Wir sind nach kürzester Zeit nassgeschwitzt und ich bin mit meiner Erkältung wahnsinnig kurzatmig. Immer wieder überholen uns Wandergruppen, die einen Porter dabei haben, der das Gepäck trägt. In der Regel tragen sie zwei große Backpacks, zwei Rucksäcke und dann noch mehrere Schlafsäcke. Und ziehen mühelos an uns vorbei. Für den Moment kommt mir das wie der schlimmste Job vor, den ich mir vorstellen kann. Wie machen die das? Vor mir höre ich Franzi eine Sprachnachricht für eine Freundin aufnehmen. „Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist. Aber irgendwie gehen wir jetzt vier Tage im Himalaya wandern.“ Und da muss ich plötzlich lachen. Das wird ein Abenteuer! Es ist sonnig und warm und die sich rechts und links bis zum Horizont erstreckenden Berglandschaften sind das alles wert. Soweit das Auge reicht heben sich Berge in verschiedensten Grün- und Blauschattierungen voneinander ab und zwischen den Wolken blitzen immer mal wieder die schneebedeckten Spitzen hervor. Ich bin im Himalaya. Wie verrückt ist das!?

Wenn wir kleine Bergdörfer passieren, grüßen die Menschen uns mit einem freundlichen „Namaste!“, legen dabei die Handflächen vor der Brust aneinander und senken leicht den Kopf. Außerdem verstehen wir uns super mit Leo und Stephanie und bilden eine lustige Gruppe. Jeder nimmt Rücksicht auf die Anderen und Santa stellt sicher, dass niemand zurückbleibt. Wir stellen auch fest (zum wiederholten Mal), dass es hier absolut nichts besonderes ist für mehrere Monate auf Reisen zu sein. Leos Leben sieht so aus, dass sie im Sommer vier Monate in einem Münchener Hostel arbeitet und sich damit genug Geld anspart, um dann acht Monate reisen zu gehen. Und Stephanie arbeitet selbstständig als Steuerberaterin und läutet gerade eine Testphase ein, in der sie vier Monate herum reist und versucht von unterwegs zu arbeiten. Sollte das gut funktionieren, kann sie sich vorstellen künftig als digitale Nomadin zu arbeiten. Es ist immer wieder spannend auf was für verschiedene Lebensmodelle wir stoßen, wenn wir mit Anderen Reisenden in Kontakt kommen.

Alle vier Pfosten müssen festgehalten werden, wenn jemand schaukelt

Am frühen Nachmittag ist die erste Etappe geschafft und wir erreichen Banatati und damit unsere Unterkunft für die erste Nacht. Wir bekommen zwei Zweibettzimmer, auf dem Flur sind Toiletten und Duschen. Ich checke als erstes das Klo: Eine westliche Toilette! Nicht der nepalesische Toilettenklassiker mit der Hocktoilette (faktisch ein Loch im Boden) ohne Toilettenpapier. Diesbezüglich hatten wir in Pokhara eine böse Überraschung, konnten aber glücklicherweise das Zimmer wechseln. Hier in den Bergen war ich ehrlich gesagt darauf eingestellt und bin positiv überrascht. Toilettenpapier gibt es zwar trotzdem nicht, aber darauf waren wir vorbereitet und haben welches dabei. Außerdem gibt es eine heiße Dusche und WLAN.

An dieser Stelle endet dann allerdings der Komfort. Es ist ARSCHKALT. Obwohl es erst 15.30 Uhr ist, ziehen wir alles an, was wir haben und verkriechen uns in unsere Betten unter die dicken Decken. Wie soll das heute Nacht werden!? Werde ich zum Abendessen überhaupt nochmal hier drunter hervor kommen? Wenn es heute Nacht gar nicht mehr geht, kann ich im Zweifel immerhin heiß duschen, um mich wieder aufzuwärmen.

Um 17 Uhr klopft Santa an unsere Tür. Unten gibt es einen Gemeinschaftsraum mit Ofen, der soeben angemacht wurde. Ob wir kommen möchten. Und ob! Also doch Abendessen. Wir essen heiße Suppe, trinken heißen Tee, wärmen unsere Füße am Ofen. Nach dem Essen spielen wir ein Kartenspiel. Es ist sehr gemütlich und ich bin versucht die Nacht einfach auf dem harten Plastikstuhl in der Nähe des Ofens zu verbringen. Aber der wird natürlich nicht die ganze Nacht befeuert. Irgendwann gehen alle ins Bett. Und plötzlich steht Santa mit zwei weiteren wirklich dicken Bettdecken bei Franzi und mir in der Tür. Weil wir doch keine Schlafsäcke haben. Ich könnte ihn knutschen. Und mit Socken, langer Hose und warmem Pullover unter zwei Decken wird die Nacht tatsächlich erträglich. Ich glaube nur meine Nasenspitze schaut noch aus diesem Deckenberg hervor.

Am nächsten Morgen frühstücken wir in der Sonne. Dann verabschiedetet die sich leider. Der Tag bleibt bewölkt. Und dadurch deutlich kälter – zusätzlich zu den Höhenmetern, die wir inzwischen gemacht haben. In meinem Wollpullover ist es mir während des Wanderns zu warm. Ohne ist mir kalt. Der ganze Tag ist ein Balanceakt zwischen dringend benötigten Verschnaufpausen und nicht nassgeschwitzt in der Kälte stehen bleiben wollen. Immerhin sind es weniger Stufen. Tatsächlich führt uns die Route heute überwiegend durch den Wald und wir haben eher das Gefühl im Dschungel als in den Bergen zu sein.

Wir erreichen Ghorepani am Fuß des Poon Hill (Etappenziel Nummer 2) und schießen zahlreiche Fotos an dem großen Tor, das uns am Ortseingang begrüßt. Die Fassungslosigkeit, wenn man völlig erledigt ist und denkt man hätte es für heute geschafft, dann aber erfährt, dass man noch durch den gesamten Ort laufen und dann etwa 200 Stufen zur Unterkunft hochstiefeln muss, ist unbeschreiblich. Aber dann ist es geschafft. Und die hochgelegene Unterkunft hat sich gelohnt, denn der Ausblick ist unbezahlbar!

Wir beziehen unser Vierbettzimmer und die anderen drei machen ein Nickerchen. Ich wasche – wie jeden Tag während des Trekkings – meine Sachen und hänge sie in die Sonne, danach setze ich mich auf die Terrasse und betrachte die Berge. Zeitgleich mit dem Erwachen der drei Anderen kommt eine Gruppe Koreaner*innen an, die unbedingt ein Gruppenfoto mit uns machen möchten. Wir positionieren uns vor dem Bergpanorama. „Nein, nicht so!“ Entstanden ist dieses Bild:

Der Ort ist deutlich touristischer als der letzte. Man merkt, dass wir am Poon Hill sind. Wir entdecken eine deutsche Bäckerei und freuen uns wie Bolle über Cappuccino, Zimtschnecken und Apfelstrudel!

Zum Abendessen gönne ich mir nach drei Wochen Reis, Curry und gebratenen Nudeln eine Pizza, die ich tatsächlich gut vertrage. Den Abend verbringen wir erneut mit heißem Tee und Kartenspiel am Ofen im Gemeinschaftsraum. Da Leo und Stephanie Thermoschlafsäcke dabei haben, überlassen sie uns ihre Bettdecken, sodass wir jeweils zwei haben. Außerdem leiht Leo mir Mütze, Schal und Skisocken (Hat sie alles zwei Mal. Das nennt man dann wohl vorbereitet sein.). Ich bin froh mich revanchieren zu können, indem ich mit Klopapier und Duschgel aushelfen kann.

Um 4.30 Uhr klingelt der Wecker. Der Aufstieg auf den Poon Hill steht an und wir wollen bis zum Sonnenaufgang oben sein. Es ist SO kalt. Die Leute tragen Daunenjacken und Skibekleidung inkl. Handschuhen. Und ich? Ich ziehe meine Jogginghose über die Leggings, Langarmshirt und Pulli übereinander, dann meine dünne Windjacke. Top. Ich werde einfach auch oben angekommen nicht aufhören mich zu bewegen.

Nach etwas 45 Minuten erreichen wir den Gipfel. Und was soll ich sagen: Es ist absolut magisch. Wir sind umgeben von den riesigen, schneebedeckten Gipfeln des Annapurnamassivs. Die Luft und damit auch Sicht ist absolut klar, keine einzige Wolke hebt sich vor dem sternembedeckten Himmel ab.

Leo ist es gelungen den Sternenhimmel einzufangen…

Ich bin völlig ergriffen und weiß gar nicht, in welche Richtung ich zuerst schauen soll.
Und dann geht hinter einem der Berge langsam die Sonne auf. Stück für Stück schiebt sie sich über den Gipfel und taucht die umliegenden Bergspitzen in ein rosafarbenes Licht. Ich bin im Himalaya. ICH. BIN. IM. HIMALAYA. Ich muss mich kneifen und finde es immer noch surreal.

Stumm fallen Franzi und ich uns in die Arme. Wir haben es tatsächlich hier hoch geschafft. 3210 Höhenmeter. Und das bei den Steigungen. Wir sind stolz wie Bolle und schießen ein paar Fotos. Dann schlendere ich über den Gipfel und lasse den Blick über die Berge schweifen. Seit ich denken kann, liebe ich Cornelia Funkes „Drachenreiter“. Ich habe ihn schon als Kind unzählige Male gelesen, lese ihn inzwischen mit den Kindern auf der Arbeit. Nie hätte ich gedacht, dass ich selbst einmal hier sein würde. Fast erwarte ich, dass jeden Moment Lung zwischen den Bergen hervorschießt. Und als plötzlich tatsächlich ein kleines Flugzeug auftaucht, muss ich lachen und denke an Lola Grauschwanz. Würde mich nicht wundern, wenn das Flugzeug gleich einen kleinen Looping fliegen würde.

Wir kehren zurück zur Unterkunft und frühstücken mit wolkenlosem Ausblick auf die Berge. Dann geht es weiter Richtung Tadapani. Wir müssen noch einen Pass überqueren, was ein angenehmes Auf und Ab über wirklich schöne Wanderwege durch den Wald ist, rechts und links immer wieder Berge. Danach geht es nur noch bergab. Über Stufen. Unzählige Stufen. Nach etwa einer Stunde merke ich meine alte Knieverletzung. Nach zwei Stunden erreichen die Schmerzen den Rand der Erträglichkeit. Dafür benutzen Menschen also Wanderstöcke. Zum Glück ist es Zeit für die Mittagspause. Danach wird der Weg erträglicher, dafür schlägt das Wetter um. Es wird schattig. Und kalt. Obwohl wir tiefer kommen, sinken die Temperaturen. Als wir unsere Unterkunft erreichen, stellen wir bestürzt fest, dass es nur kalte Duschen gibt. Auch der Ofen im Gemeinschaftsraum beheizt den Raum kaum. So wird meine nasse Wäsche niemals bis morgen trocken. Ich setze mich direkt an den Ofen, lege mir die Wäsche über die Beine. Es funktioniert.

Kurze Pause
Affen in den umliegenden Bäumen
Endlich geschafft…

Die Nacht wird kalt, vor allem weil wir nach draußen müssen, wenn wir zur Toilette wollen. Am nächsten Morgen frühstücken wir in der Sonne, genießen ein letztes Mal das Bergpanorama. Dann beginnt der letzte Teil des Treks. Jetzt, wo wir auf dem Rückweg sind und der Poon Hill hinter uns liegt, ist irgendwie die Luft raus. So schön es auch war, bin ich jetzt doch auch froh, wenn es geschafft ist. „Jam jam, Didi! Let’s go, sisters!“, ermuntert uns Santa nach jeder kurzen Trink- und Verschnaufpause. Es geht weiter bergab. Franzi bekommt ebenfalls Knieprobleme. Santa leiht uns jeweils einen seiner Wanderstöcke – damit geht es besser.

Und dann treffen wir plötzlich auf eine Giftschlange. Sie ist winzig, etwa 15cm lang und vielleicht so breit wie mein kleiner Finger. Leo entdeckt sie am Wegesrand und beugt sich zu ihr herunter, um mit dem Handy eine Nahaufnahme zu machen. Schließlich sieht sie völlig harmlos aus. Aber dann hält Santa sie erschrocken zurück. „Die Schlange ist gefährlich! Sehr giftig! Wenn sie Dich in den Finger beißt, müssen wir Deinen Arm abbinden und so schnell wie möglich ins Krankenhaus. Ohne Injektion mit dem Gegengift stirbst du.“ Ooookay. Der Moment, in dem Dein Guide sich Sorgen macht, ist der Moment in dem Du auch anfängst Dir Sorgen zu machen. Ab jetzt bekomme ich von der Umgebung um mich herum nicht mehr viel mit, weil ich so aufmerksam den Weg vor mir betrachte. Wie froh ich bin, dass uns das erst am letzten Tag passiert ist und ich in den ersten drei Tagen einfach noch nichts von diesen Schlangen wusste.

Irgendwann erreichen wir Ghandrak. GESCHAFFT! Wir können es kaum fassen. Was für ein Abenteuer! Sehr stolz, aber vor allem sehr erledigt lassen wir unsere Rucksäcke fallen. Mir tut alles weh. Die Leute sind ja oft so belustigt über meinen Wippschritt. Ich glaube, den habe ich in den vergangenen vier Tagen verloren. Ich krieche jetzt nur noch. Für immer.

Mit dem Jeep fahren wir zurück nach Pokhara. Abends treffen wir uns nochmal mit Leo und Stephanie zu einem Abschiedsabendessen und machen uns gemeinsam über Pizza, Gin Tonic und Brownies her. Dann wird es Zeit sich zu verabschieden. Eine kurze, aber sehr intensive gemeinsame Zeit.

Für uns geht es nun weiter in den Chitwan Nationalpark, unsere letzten Tage hier in Nepal. Ich melde mich wieder.

9 Kommentare

  • Daniela

    Absolut grandios! Die Aufnahmen, wie Du schreibst und überhaupt…🤩Toll, was Ihr alles erlebt und schön ein wenig daran teilhaben zu können.

  • Steffi

    All Germans are good hikers. Jap. Genau. Kann ich bestätigen. Nicht 😁
    Beim nächsten zu viel bergab kann ich nur empfehlen in einen leichten O-Bein-Gang zu verfallen, denn so geht weniger Gewicht auf die Knie.
    Dank deines Berichts hätte ich jetzt direkt Bock auf so einen Unsinn mit geiler Aussicht 😇 – danke für die Bilder. ☺️

  • Frieda

    Wow!! Respekt an euch! Du schreibst so gut Elena, ich saß auch mal eben in Lolas Flugzeug und habe euch ein Stück durch die Berge begleitet 🥹 du fehlst mir!

  • Hanna

    Wow! Das war besonders faszinierend zu lesen, weiß gar nicht, ob ich die letzten Minuten geatmet habe :D! Aber kalt ist mir geworden ;D!!
    Was wirst du viel davon mitnehmen!! Wahnsinn!

  • Tina

    Wenn du wüsstest, wie oft ich während des Lesens ungläubig den Kopf geschüttelt habe!
    Ich bin gespannt auf das nächste Ziel. LG an euch beide!

  • Nina

    Oh was ein erneuter toller Bericht ☺️ Aber Elena ohne Wippschritt? Ich hoffe doch sehr das du den doch noch wiederfindest 🙊 Ich wünsche euch weiterhin eine tolle Zeit und noch viele solcher Abenteuer (ohne Giftschlangen und erwähnten Plumps Toiletten). Ich drücke euch! Nina 😘

    • Wiebke Schweers-Mennigen

      Mit einem Lächeln im Gesicht, Tränen in den Augen oder kopfschüttelnd habe ich deinen Bericht gelesen! Ich freue mich über jedes deiner wunderbaren Worte ;-*

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