Abschiedsblues


„Lebenskunst, die:

Du kannst auf dieser Welt nur leben, wenn Du sie zu Deiner Geliebten machst.
Sie mit diesen ungeheuerlichen Wundern und Grausamkeiten annimmst und zwischen beiden das Gleichgewicht findest.
Sonst wirst Du sie nicht so verlassen können, wie Du vorhast – laut lachend auf einem silbernen Vogel fliegend und bis zum Rand erfüllt mit allem, was sie Dir zu bieten hat.“

Janosch – Wörterbuch der Lebenskunst

Mit ganz viel Wehmut im Bauch und ganz viel Vorfreude im Kopf sitze ich in Trivandrum am Flughafen. Und schwebe irgendwie so zwischen den Welten. Verlasse dieses so religiöse, von Traditionen geprägte, kulturell andersartige und so sehr an alten Mustern und Rollenbildern haftende Indien mit einer Millionen Eindrücken im Gepäck – und fliege nach Thailand, in das hochmoderne Bangkok. Gespannt darauf, wie ich diesen Switch hinkriegen werde. Ich würde gerne kurz die Pausentaste drücken und drei Tage in einer kleinen Kapsel verbringen, fernab von Raum und Zeit, um mich von dem Alten zu verabschieden und ausreichend auf das Neue einzustellen. Aber das geht natürlich nicht. Also springe ich mal wieder voll hinein, lasse das abgeschiedene Leben im Ashram hinter mir und stürze mich in die Millionen-Metropole. Keine Ahnung wie das gehen soll.

Zwei kleine Nachträge zum letzten Beitrag:

1. Ich habe mir eine Japa Mala gekauft und tatsächlich klappt das Meditieren damit ein klitzekleines bisschen besser.

Meine Japa Mala mit ihren 109 Perlen

2. Guckt Euch bitte an, was mir nur Stunden vor meinem Abflug am allerletzen Tag im Ashram noch gelungen ist! Wahnsinnig stolz freue ich mich über dieses Ergebnis von 15 Tagen vier Stunden täglichem Yoga! Ich hätte nicht gedacht, dass der Kopfstand am Ende drin ist. Noch komme ich zwar nicht alleine hoch, aber ich kann ihn halten. Unfassbar wie sehr sich mein Körper in zwei Wochen verändert hat. Meine Hosen sitzen jetzt jedenfalls alle sehr locker.

Sirasana – Der Kopfstand

Mit meiner Zeit hier in Indien endet auch die erste Hälfte meiner Reise. Zwei Monate sind nun schon vorbei. Zwei weitere folgen. Ein seltsames Gefühl. Ab jetzt wird die Zeit wahrscheinlich verfliegen. Verrückt, dass ich ursprünglich vier Monate lang Südostasien bereisen wollte und nun erst nach der Hälfte der Zeit dort ankomme. Gerade wird mir außerdem klar, dass ich mir dieses Jahr zwei große Träume erfüllt habe, auf die ich bereits seit zehn Jahren warte. Ich wollte nach dem Abi so gerne nach Südafrika. Oder alternativ nach Indien. Wegen der großen Sicherheitsbedenken meiner Eltern hat sich das zerschlagen und ich bin dann 2013 stattdessen in Ghana gelandet (Dass sie damit letztendlich glücklicher waren, wage ich zu bezweifeln). Jetzt haben wir 2023. Und ich bin dieses Jahr in Südafrika UND Indien gewesen. Genau zehn Jahre später. Irgendwie schließt sich damit gerade ein Kreis. Manche Träume warten eben auf den richtigen Zeitpunkt…

Als ich angefangen habe Leuten davon zu erzählen, dass ich nach Indien reisen möchte (und das ja ursprünglich alleine), bin ich damit auf wenig Verständnis gestoßen. „Was willst du denn da?“, „Das ist super gefährlich für Frauen!“ oder „Da gibt es doch nur Müll und Armut und Lärm und unfassbare Menschenmassen.“, waren so die Klassiker unter den Kommentaren. In der Regel von Menschen, die noch nie in ihrem Leben in Indien gewesen sind.

Und es ist ja nicht so, als ob an diesen Vorurteilen nichts dran wäre. Ja, ich habe wahnsinnig viel Müll und Dreck und Smog gesehen und wahrscheinlich mehr Armut als je zuvor in meinem Leben. Ich habe noch nie so viele Menschen auf so engem Raum erlebt. Und ja, es gab die ein oder andere Situation, in der meine innere Alarmglocke geschrillt hat. Aber Indien ist eben auch mehr als Delhi und das Taj Mahal. Indien hat so viel mehr zu bieten, so viele andere Seiten, so wahnsinnig schöne Landschaften: Die Berge des Himalayas. Und Wüste. Und Tropen. Und Strände. Indien ist gastfreundlich und hilfsbereit. Indien ist neugierig und interessiert an Austausch. Indien ist Yoga-Hochburg. Indien ist SO lecker! Und vor allem ist Indien in Bewegung und entwickelt sich – langsam, aber stetig. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen wie viele Sätze von Locals anfingen mit „Vor ein paar Jahren war das noch ganz anders…“

Ich will diesen Monat, den ich hier verbracht habe, auch gar nicht nur schön reden. Es gab auch schwierige Momente und Überforderung und auch mal Tränen. Ich bin mit einer Riesenportion Respekt im Gepäck nach Indien gereist, die mir anfangs manchmal etwas schwer im Magen lag. Jetzt verlasse ich es mit ganz viel Leichtigkeit. Ob ich keine Angst hätte, nach zwei gemeinsamen Wochen mit Franzi allein in Indien zu bleiben, wurde ich oft gefragt. Warum ich mich so bewusst solchen Gefahren aussetzen würde. Hm. Es hat mich gereizt. Ich will gar nicht abstreiten, dass ich mich ganz oft von einer großen Welle Übermut mitreißen lasse, aber ich glaube, ich habe die Grenze zum Leichtsinn noch nie überschritten. Ich möchte mir einfach die Freiheit herausnehmen mit ganz viel Wagemut und Aufgeschlossenheit unterwegs zu sein, aber ich reise immer auch mit geschärften Sinnen und ganz viel Sensibilität für mein Bauchgefühl. Und bisher hat sich das immer gelohnt.

Indien. Ich wollte so gerne einen ganzen Monat hier verbringen, um so richtig in das Land und die Kultur einzutauchen. Jetzt, wo meine Zeit hier vorbei ist, wird mir klar, wie naiv – ja vielleicht sogar anmaßend – das war. Dieses Land ist nicht begreifbar. Nicht in einem Monat und nicht in einem Jahr, vielleicht nie. Ich bin hier nicht eingetaucht. Aber ich habe meinen Kopf mal eine Weile unter die Wasseroberfläche gehalten, von dort oben aus betrachtet, und wenn ich lange genug stillgehalten habe, wurde manchmal die Sicht etwas klarer. Es gibt so viel, das ich verstanden habe. Und so viel mehr, das ich noch immer nicht verstehe.

Indien. Du bist ohrenbetäubend laut und friedlich still. Du bist grün und grau und bunt. Du bist chaotisch und geordnet. Du bist modern und altmodisch. Du bist zugemüllt und unberührt. Du bist überfordernd viel und Du bist Ruhe und Entspannung. Du bist berührend – auf die schrecklichste und auf die allerschönste Art und Weise. Du bist all das in so vielen Facetten und Kontrasten. Du bist anders als alles, was ich bisher kannte. Und vor allem bist Du ein Abenteuer! Du hast mich so oft an meine Grenzen gebracht, mich aus meiner Komfortzone gelockt. Mich immer belohnt mit unglaublichen Eindrücken und Erfahrungen. Ich durfte so viele Gesichter von Dir kennenlernen und es war eine Ehre Dein Gast zu sein.

Indien. Ich bin so froh, dass ich auf mein Bauchgefühl gehört und es einfach gewagt habe. Und ich bin genauso froh, dass mein Kopf mit all seinen Bedenken und einem Riesenstrauß an Vorschlägen für Vorsichtsmaßnahmen mit dabei war. Die beiden sind so oft im Disput miteinander und dann denke ich immer, ich muss mich für eins von beidem entscheiden. Aber jetzt gerade sitze ich hier mit meinem Verstand auf der einen und meinem Bauchgefühl auf der anderen Seite und gemeinsam schauen wir hinaus und betrachten versunken das nächtliche Indien. Und alles, was ich denke, ist: Eigentlich sind wir ein verdammt gutes Team...

Tschüss Indien – Es war ein Fest!

2 Kommentare

  • Daniela

    Wieder mal ein wunderschöner Beitrag, der berührt.
    Das Zitat zu Beginn, ist ebenfalls wundervoll und sehr sehr passend. Das „Wörterbuch der Lebenskunst“ steht schon auf meinem Wunschzettel.😇
    Weiterhin eine schöne und aufregende Zeit!

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