Vorbei


Nichts ist vergleichbar mit dem guten Gefühl an einen vertrauten Ort zurückzukehren und zu merken, wie sehr man sich verändert hat.

Nelson Mandela

4 Monate
7 Länder
10 Nummern von Tuktuk-Fahrern im Handy
11 Tauchgänge
28 Meter Tiefe
29 abenteuerliche Bus- und Zugfahrten
44 verschiedene Schlafplätze
58 Stunden Yoga
3210 Meter Höhe
10.000 Moskitostiche
11.264 Fotos und Videos (ja, das ist die exakte Zahl)
1.000.000 Eindrücke und Erinnerungen

Und plötzlich ist es nur noch genau das: Erinnerung…

Ich bin zurück. So surreal es die ersten Tage war wieder hier zu sein, so surreal kommt es mir jetzt vor, dass ich vor etwas mehr als drei Wochen noch auf dieser unglaublichen Reise gewesen bin. Es fühlt sich schon so sehr nach Erinnerung und so wenig nach Hier und Jetzt an. Allerdings liege ich auch seit zwei Wochen mit Bronchitis flach, mir fällt die Decke auf den Kopf und die Zeit zieht sich gerade einfach nur wie Kaugummi. Gefühlt sind das die längsten zwei Wochen meines Lebens gewesen. Kein Wunder, dass die Reise schon unendlich weit entfernt scheint…

Ich bin freitags morgens gemeinsam mit Jenni in Düsseldorf gelandet und meine Eltern und meine Schwester haben mich mit „Willkommen zurück“-Ballon, Umarmungen, Tränen und Kaffee am Flughafen abgeholt. Wir sind zum Frühstücken zu meinen Eltern gefahren, wo dann auch überraschend noch Jörns Eltern, meine Patentante und meine Cousine dazu gestoßen sind – was für eine schöne Überraschung! Jörn kam nach der Arbeit auch noch dazu. Es war super schön und ganz, ganz unwirklich gleichzeitig. Diese vertrauten Menschen um mich herum. Dieses göttliche Frühstück mit Brötchen und Aufschnitt und Aufstrich und gutem Kaffee zum Frühstück. Dieser geregelte Verkehr auf dem Weg vom Flughafen zu meinen Eltern. Diese unfassbar saubere Wohnung ohne Krabbelgetier in den Ecken, an den Wänden und in den Abflüssen. Alle so schön angezogen. Als wir abends nach Hause kommen, stehen Blumen und ein Schokokuchen von Jörn auf dem Tisch. Alle freuen sich so sehr, dass ich wieder da bin, und ich kann neben aller Wiedersehensfreude dennoch dieses Gefühl von Traurigkeit nicht abschütteln, dass diese Reise nun zu Ende ist…

Flughafen Düsseldorf

Am nächsten Tag hat Jörn einen Schiri-Lehrgang und ich bin allein Zuhause. Den gesamten Samstag schleiche ich um mein noch voll bepacktes Backpack im Flur herum, kann mich nicht dazu durchringen es auszupacken oder auch nur zu öffnen. Wenn ich ausgepackt habe, ist es vorbei. Ich lasse den Rucksack noch bis Sonntag unangerührt im Flur stehen und sitze am Samstag stattdessen Ewigkeiten einfach nur auf dem Sofa. Diese Ruhe. Ich habe eine ganze Wohnung für mich alleine. Hier ist so viel Platz. Und so viele Sachen. Was soll ich mit dem ganzen Platz und den vielen Dingen anfangen? Alles, was ich brauche, passt in einen Rucksack. Abends bereite ich für Jörn und mich eine gigantische Schnittchenplatte zu und freue mich wie eine Schneekönigin über das Vollkornbrot. Lege mich später in mein eigenes, unheimlich bequemes Bett – in dem Wissen, dass ich hier dauerhaft schlafen und nicht in ein paar Tagen wieder umziehen werde. Dass das aus dem Rucksack Leben ein Ende hat.
Mein Sabbatical geht bis Ende Januar, was mir noch sechs freie Tage verschafft, die ich dringend brauche, um mental umzuschalten. Als ich am 1. Februar wieder zur Arbeit gehe, ist mein Kopf trotzdem noch ganz woanders.

Inzwischen sind drei Wochen vergangen. Zeit, um die Reise ein wenig Revue passieren zu lassen – bei weitem nicht genug Zeit, um all diese Eindrücke zu verarbeiten. Vielleicht wird das eine Lebensaufgabe. Immer noch habe ich keine Lösung dafür gefunden, wie ich auf die Frage „Wie war’s!?“ reagieren und vier Monate in eine Antwort verpacken soll. Immer noch friere ich mir auch bei zehn Grad den Hintern ab. Immer noch fühlt es sich vertraut und gleichzeitig fremd an, wieder hier zu sein. Immer noch sind es so viele kleine Dinge im Alltag, die eine Umstellung erfordern. Immer noch ist alles hier so seltsam.

Die wichtigsten Learnings der vergangenen Wochen hier in Deutschland:

  • Die Preise im Supermarkt sind nicht verhandelbar.
  • Leute, die Dich nicht kennen, lächeln Dich auch nicht an.
  • Es kommt irrsinnig viel Wasser aus der Dusche.
  • Man hupt nicht, wenn man jemanden überholt.
  • Bananen sind einfach nur riesig.
  • Das Klopapier kommt in die Toilette.
  • Beim Autofahren muss man sich anschnallen.
  • Ich brauche nicht panisch nach meinem Mückenspray zu suchen, wenn ich zu spät bemerkt habe, dass es anfängt zu dämmern.
  • Mango und Ananas schmecken nach nichts.
  • Rote Ampeln sind keine Leuchtdekoration.
  • Das Wasser aus der Leitung kann man trinken!
  • Sonntags haben die Läden zu.

Ich vermisse so vieles und trotzdem freue ich mich auch wieder hier zu sein. Kann es nicht erwarten gesundheitlich endlich wieder fit zu werden und all die Menschen wieder zu treffen, die ich in den vergangenen Monaten so vermisst habe. Freue mich auf Alltag. Darauf endlich wieder arbeiten zu können. Bei der Arbeit hat es viele inhaltliche wie strukturelle Veränderungen gegeben und ich freue mich auf den frischen Wind und das Potential, das diese Veränderungen mit sich bringen. Fühle mich durch das Kranksein dabei gerade gleichzeitig so sehr gefrustet und ausgebremst.

Und ich bin auch stolz. Stolz darauf, den Wunsch nach dieser Reise nicht aus dem Blick verloren und mich von Widrigkeiten nicht abgehalten lassen zu haben. Stolz, das durchgesetzt und durchgezogen zu haben, mich für das stark gemacht zu haben, was mir wichtig war. Stolz auf so viele Momente dieser Reise, auf Mutausbrüche, mein Bauchgefühl, meinen kühlen Kopf und mein Herz auf der Zunge.

Doch was bleibt? Was bleibt von dieser Reise nach der Rückkehr in meinen Alltag? Zwischen all dem Gewöhnlichen und den vielen alltäglichen Banalitäten, nachdem mein Leben vier Monate lang ein einziges Abenteuer war? Erinnerungen? Ich hoffe mehr als das. Natürlich werde ich versuchen Erinnerungen festzuhalten. Ein Fotobuch gestalten. Vielleicht ein Tattoo. Vor allem aber hoffe ich mir ganz viel von der Leichtigkeit, Gelassenheit und diesem absoluten Vertrauen in meine eigenen Problemlösefähigkeiten beizubehalten, das mich diese Reise gelehrt hat. Dinge so zu nehmen wie sie kommen (ein Vorsatz, der gerade direkt wirklich hart auf die Probe gestellt wird). Aus Situationen das Beste zu machen. Voller Dankbarkeit zu sein für dieses unglaublich privilegierte Leben, das ich führen darf. Dinge nicht für selbstverständlich zu halten. Den Blick auf das zu richten, was ich habe, anstatt auf das, was mir (vermeintlich) fehlt.

Gerade freue ich mich vor allem auf Alltag und Routine und arbeiten. Und auch das wird sich sicherlich irgendwann wieder ändern. Das Fernweh wird zurückkommen – denn das tut es immer – und mit ihm der Wunsch, diese vertrauten Verhältnisse wieder zu verlassen und die weite Welt zu entdecken.
Und wenn es soweit ist, kommt die nächste Reise ganz bestimmt…

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