Santosha


„Toren bereisen in fremden Ländern die Museen, Weise gehen in die Tavernen.“

Erich Kästner

Und wenn Jörn und ich zusammen reisen, machen wir einfach beides.

Nordvietnam. Nachdem wir uns in Hoi An von Franzi getrennt haben, geht es für Jörn und mich weiter in den Norden. Nach der Regenzeit in Zentralvietnam, haben wir hier nun Winter – Jörn hat mir in weiser Voraussicht einen zweiten Pullover mitgebracht. Während er aus Deutschland kommend die 20 Grad sehr feiert und demonstrativ in kurzer Hose herumläuft, kommt es mir wahnsinnig kalt vor und ich ziehe über meinen Pulli auch noch eine Jacke an (zu langer Hose natürlich).

Wir fahren mit der Fähre nach Cat Ba, die größte Insel in der berühmten Halong Bucht. Die Halong Bucht gilt als eines der Wahrzeichen Vietnams. Ihr Bild ist geprägt von mehr als 2000 Kalksteinfelsen und – inseln, die von Regenwald bedeckt sind. Ha Long bedeutet so viel wie „Herabsteigender Drache“, denn der Sage nach sind die skurilles Felsformationen dadurch entstanden, dass Gott eine Drachenmutter und ihre Kinder nach Vietnam schickte, um beim Kampf gegen Eindringlinge zu helfen. Dabei sollen sie tausende von Perlen gespuckt haben, die sich im Meer dann in knallharte Felsbrocken verwandelt und als Abwehr gedient haben.

Halong Bucht
Fähre nach Cat Ba

Wir übernachten in einem gemütlichen Homestay außerhalb des Zentrums und erkunden mit dem Roller die Insel. Es gibt genau eine Straße, die von Norden nach Süden führt, und die längste Distanz, die man auf Cat Ba zurücklegen kann, beträgt 21km. Wir wechseln uns jetzt beim Roller fahren ab – eine Umstellung für Jörn, der es gewohnt ist, alle Strecken zu fahren, aber nun, wo ich einmal Blut geleckt habe… Nachdem ich auf Thailand direkt im Linksverkehr starten und uns in Hoi An im strömenden Regen nach Hause fahren musste, meistere ich hier eine Fahrt im Stockdunkeln – Straßenbeleuchtung gibt es außerhalb des Zentrums auf Cat Ba nämlich nicht. Ich glaube ich habe den Dreh langsam raus…

Cat Ba ist klein und hat trotzdem ein paar nette Fleckchen. Wir schauen uns einen Tempel an der Nordküste der Insel an, mitten auf dem Wasser, zu dem man über eine wackelige Brücke laufen muss. Ein kleines Stück weiter gibt es eine Höhle, aber die ist leider abgeriegelt. Wir besichtigen eine verstecktes Höhlenkrankenhaus aus dem Vietnamkrieg, das damals sowohl Verwundete versorgen als auch den Bewohnenden der Insel Schutz und Zuflucht vor Bombenangriffen bieten sollte. Der Vietnamkrieg heißt hier übrigens „US-War„. Ich war kurz irritiert und fand es dann völlig einleuchtend. Natürlich alles eine Frage der Perspektive.

Tempel auf dem Wasser
Wie so oft Softdrinks als Opfergaben

In der Mitte von Cat Ba befindet sich ein großer Nationalpark. Hier gehen wir wandern und gelangen zu einem etwas versteckten Aussichtspunkt, der einen Wahnsinnsblick über die gesamte Insel bietet. Wir finden noch mehr Aussichtspunkte. Ein Weg über die Klippen an der Südküste, der zwei Strände miteinander verbindet und einen grandiosen Blick über die Halong Bucht südlich von Cat Ba ermöglicht. Und unser Highlight: Der Viewpoint am Cannon Fort. Von hier aus sieht man die komplette Insel und in alle Richtungen das Meer bzw. die Bucht.

Wandern im Cat Ba Nationalpark
Strandspaziergang
Ausblick vom Cannon Fort

Wir genießen die Natur sehr, nachdem wir bisher hauptsächlich in vietnamesischen Städten unterwegs waren. Freuen uns über das Kleine, Überschaubare, Einfache, das diese Insel bietet. Und vor allem genießen wir die Zeit zu zweit. Erzählen uns von Angesicht zu Angesicht von den vergangenen Wochen. Tauschen Erfahrungen, Gedanken und Emotionen aus. Gewöhnen uns wieder aneinander. Erleben einen Teil dieser Reise (endlich) gemeinsam. Und plötzlich muss ich an etwas denken, das unser Guru im Ashram über die indische Yoga Philosophie sagte. Ein Wort, das mir irgendwie im Kopf geblieben ist, das sich auf der Zunge so exotisch und gleichzeitig warm anfühlt: Santosha. „The state of missing nothing.“ Ja, denke ich plötzlich. Genau so fühle ich mich gerade. Dieses Gefühl absolut vollkommener Zufriedenheit, wie immer wenn ich mit Dir auf Reisen bin.

Hier in Cat Ba bestellen wir uns außerdem das erste Mal den berühmten, vietnamesischen Hotpot und kochen uns im Prinzip unsere eigene Nudelsuppe, für die wir alle Zutaten und einen kleinen Gasherd auf den Tisch gestellt bekommen. Sehr lecker! Hier essen wir auch das beste Banh Mi unserer Reise, ein waschechtes Sandwich (ja, in Asien!). Und wir machen endlich einen Haken hinter alle vier vietnamesischen Kaffeespezialitäten: Vietnamese Black Coffee, Salted Coffee, Egg Coffee und Coconut Coffee.

Hot Pot
Unser leckerstes Banh Mi in Vietnam
Black Coffee
Der Coconut Coffee fehlte noch auf unserer Liste

Über die Silvesternacht machen wir dann eine zweitägige Bootstour durch die Halong Bucht. Silvester wird in Vietnam nicht gefeiert, da hier das chinesische Neujahr im Februar zelebriert wird, aber wir haben trotzdem Lust zum Jahreswechsel etwas Besonderes zu machen und schenken und diesen kleinen Luxus gegenseitig zu Weihnachten.

Wunderschöne Halong Bucht

Um 11 Uhr morgens geht es am 31.12. mit dem Boot raus in die Bucht. Wir passieren mehrere schwimmende Dörfer, Menschen, die einfach hier draußen auf dem Wasser leben. Auch an einer Fischaufzuchtstation kommen wir vorbei.

Unser Boot
Schwimmende Dörfer und Fischaufzuchtstationen

Zum Mittagessen gibt es das allerbeste Seafood – Jörn, der das nicht mag, setzt sich zu den Vegetariern an den Tisch. Am Nachmittag machen wir eine Kajaktour durch kleine verschlungene Wasserpfade, durch die das große Boot nicht hindurch passt, sowie durch verschiedene dunkle (Fledermaus-) Höhlen.

Wunderschöne Kalksteinformationen

Abends gibt es dann ein großes Silvester Dinner für alle. Wir sind 16 Leute und da die Crew natürlich weiß, dass wir Silvester feiern, haben sie für uns ein bisschen was vorbereitet. Super lieb. Außer uns ist eine neunköpfige italienische Reisegruppe mit an Bord, ein junges Paar aus – Achtung! – Menden, Platte Heide (eine direkte Nachbarstadt meiner Heimat), sowie ein Ehepaar aus den USA mit seiner Tochter. Die beiden sind bereits mit Anfang 50 im Ruhestand und bereisen gemeinsam die Welt. Es ist immer wieder so spannend auf andere Lebensmodelle zu stoßen.
Wir verbringen den Abend an Deck, vorwiegend mit Gitarrenmusik und Gesang und es ist eine sehr gemütliche Atmosphäre. Um Mitternacht gibt es für jeden ein Glas Rotwein, ein kleines Minifeuerwerk und eine große „Happy New Year“ – Torte.

Kurz darauf gehen alle schlafen und wir haben ein wirklich schönes und großes Zimmer. Am nächsten Morgen erwachen wir zu bestem Wetter und mit einem grandiosen Ausblick in die Halongbucht. Hallo 2024!

Sonnenaufgang in der Halong Bucht

Nach dem Frühstück steht eine weitere Kajaktour auf dem Programm, danach ankern wir vor einem verlassenen Strand mitten in der Bucht und haben Zeit zu schwimmen. Im Sonnenlicht sehen die Farben in der Bucht nochmal viel beeindruckender aus: Dieses türkisblaue Wasser, die grün bewachsenen Felsen, der Sandstrand. Micha aus Menden ist nebenberuflich Fotograf und schießt wunderschöne Bilder – fast alle Fotos hier aus der Halong Bucht sind von ihm.

Die Cat Ba Languren sind weltweit einzigartig. Sie kommen goldenfarbig zur Welt, beginnen dann ab den Schultern abwärts schwarz zu werden, was sich hinzieht, bis sie das vierte Lebensjahr vollendet haben, und im hohen Alter wird der goldene Kopf dann weiß.


Jörn und ich sind uns einig, dass das der schönste Jahreswechsel war, den wir je erlebt haben. Wird schwer, das nochmal zu toppen. (In diesem Sinne übrigens noch ein frohes und gesundes neues Jahr an alle!)

Als wir Cat Ba nach fünf Tagen wieder verlassen, geht es mit dem Sleeperbus, den wir auch schon von Ho Chi Minh nach Can Tho genommen haben (siehe Beitrag), weiter nach Hanoi.

Aufrecht sitzen? Fehlanzeige!
Wir fahren im Liegen
Während der Überfahrt mit der Fähre dürfen wir aus dem Bus aussteigen
Ankunft in Hanoi

Hanoi wird nicht unsere Stadt. Wenn ich sie in drei Worten beschreiben müsste, wären das wahrscheinlich: Laut, dreckig, überfüllt. Unser Hostel befindet sich mitten im Old Quarter, dem Zentrum der Stadt, was bedeutet das wir den ganzen Tag mitten in einem einzigen Hupkonzert leben. Der Verkehr ist verrückt, so so so viele Roller und alle fahren so wahnsinnig rücksichtslos. Das habe ich so bisher noch nicht erlebt. Und diese Menschen. Überall. Auf den Straßen herrscht ein Gewusel, aus dem es kein Entkommen gibt. Dazu wirkt einfach alles alt und heruntergekommen und schmutzig und wir sind ein bisschen enttäuscht, weil wir uns Hanoi irgendwie anders vorgestellt haben. Immerhin ist es hier wärmer und wir können am ersten Tag sogar in T-Shirt und kurzer Hose raus.

Ho Chi Minh Mausoleum

Wir schauen uns die berühmte Train Street an. Sie sieht super cool aus, ist aber auch sehr touristisch und man darf nur dorthin, wenn man sich zu einem Café oder einer Bar bringen lässt, wo man etwas trinkt. Die Leute machen dort ein Wahnsinnsgeschäft und das obwohl es illegal zu sein scheint: Plötzlich ruft jemand „Polizei!“ und alle schalten ihre Lichter aus, verscheuchen die Leute von den Tischen und Stühlen und bringen alles herein. Nach ein paar Minuten geht es dann weiter. Auch den Zug Fahrplan scheint niemand so genau zu kennen, die Angaben sind überall andere und nach zwei Stunden Warterei, während derer uns immer wieder versichert wurde, dass der Zug „jetzt gleich da“ sei, gehen wir erstmal etwas essen. Als wir zurückkommen, haben wir Glück. Etwa fünf Minuten später kommt der Zug angefahren und brettert mit einem beachtlichen Tempo (und einer unfassbaren Lautstärke) durch die schmale Gasse, an deren Rand sich sie Menschen an die Hauswände drücken.

Hanoi Train Street

Wir besuchen außerdem das bekannte Wasserpuppentheater und ergattern die beiden letzten Karten (natürlich die teuerste Kategorie) für die etwa 45-minütige Aufführung über die vietnamesische Kultur. Das war natürlich Jörns Idee.

Wasserpuppentheater in Hanoi


Ansonsten essen wir viel Pho und Banh Mi und entdecken ein wahnsinnig leckeres veganes Restaurant, das von einem Mann betrieben wird, der früher Straßenkind war und einen Teil seiner Einnahmen an Straßenkindorganisationen in Vietnam spendet. Es werden nur die Hauptspeisen berechnet, die Vorspeisen sind alle umsonst und werden immer wieder aufgefüllt. Am Ende bleibt es jedem selbst überlassen, wie viel man insgesamt zahlen möchte.

Lecker war’s! (Food Blogger werden wir übrigens nicht)

Sonst spazieren wir viel durch die schmalen Gassen, lassen uns massieren, versuchen die Abschiedsgefühle wegzudrücken, die langsam hochkommen. Aber der Abschied kommt. Natürlich kommt er. Es sind nur noch drei Wochen. Aber es sind drei Wochen. Und die nicht out of the blue, sondern aus dieser langen Phase ohneeinander heraus. Und Abschiede sind einfach scheiße. Für Jörn ist es doppelt schwer. Unsere Abschiedsworte sind ähnlich wie auch schon nach Sri Lanka:

Ich wünschte Du würdest mit nach Hause kommen.“
Ich wünschte Du würdest mit mir hier bleiben.“

Und damit ist dann irgendwie auch alles gesagt…

Jetzt sitze ich mal wieder am Flughafen. Warte auf das Boarding für meinen Flug nach Manila. Die letzten drei Wochen dieser Reise (Wahnsinn. Jetzt kommen die letzten drei Wochen.) verbringe ich auf den Philippinen – nochmal Sommer- und Strandurlaub zum Abschluss. Und das Beste: Jenni kommt mit dazu! Wir werden drei Wochen gemeinsames Insel Hopping machen und dann zusammen wieder zurück nach Deutschland fliegen.

In diesem Sinne: Tschüss, Vietnam!

3 Kommentare

  • Daniela

    Hallo liebe Elena,
    Ich hinke gerade mit dem Lesen Deiner Reiseberichte
    hinterher, weil ich dafür immer gerne etwas Ruhe und Zeit haben möchte.
    Dank Deiner wundervollen Schreibweise und der traumhaft schönen Bilder reise ich gedanklich immer ein wenig mit.
    Danke!🙏🏻

  • Jörn

    Du bist und bleibst einfach der beste Travelbuddy auf der Welt 🥰
    Macht doppelt Spaß das zu lesen, wenn man dabei war.
    Mein Highlight von alledem war das Wasserpuppentheater. Danke, dass du dich hast überreden lassen, das mit mir zu machen!

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