Postkartenparadies
“Wisst ihr, was ich mir manchmal vorstelle? Dass man so eine schöne Zeit einfach in ein Marmeladenglas stecken könnte. Und wenn man unglücklich ist, dreht man einfach den Deckel auf und schnuppert ein bisschen daran.”
Cornelia Funke
„Das sieht hier alles aus als stünden wir mitten in einer Postkarte!“ stellen Jenni und ich immer wieder fest und können uns gar nicht satt sehen an türkisblauem Wasser, weißen Stränden, Palmen über Palmen und den allerschönsten Sonnenuntergängen. Hallo von den Philippinen!
Als ich von Hanoi aus kommend in Manila lande, erwartet Jenni mich schon am Flughafen. Sie ist bereits vier Stunden früher angekommen und so lange noch am Flughafen geblieben. Wir schließen uns noch über drei Monaten das erste Mal wieder in die Arme und es ist schön und seltsam und einfach völlig verrückt sie hier wiederzusehen.
Jenni und ich haben weder Übernachtung noch Weiterreise gebucht, weil wir spontan schauen wollten, wonach uns ist. Manila soll hässlich und nicht sehenswert sein, aber ich hab zu bedenken gegeben, dass Jenni nach der langen Anreise, der schlaflosen Nacht, der Zeitverschiebung und eventuellen Kulturschockgefühlen (sie ist das erste Mal außerhalb von Europa) vielleicht einfach nur ins Bett und nicht noch weiterreisen will. Sie fühlt sich aber fit genug und würde Manila gern heute noch verlassen, um Richtung „Inselurlaub“ aufzubrechen. Na gut. Der einzige Plan, den es gibt, ist die Philippinen im Uhrzeigersinn zu bereisen, und als erstes wollen wir nach Donsol. Wir sehen, dass heute noch ein Flug geht – in weniger als zwei Stunden – und stürzen zum Ticketschalter, um nachzufragen, ob wir noch mitfliegen können. „Tut mir Leid“, schüttelt dir Frau dort den Kopf, „der Flug geht schon in 90 Minuten und ihr müsstet erst noch das Terminal wechseln und dann Euer Gepäck aufgeben, das schafft ihr nicht. Sie schließen bereits die Check-in Schalter.“ Hm. Schade. Weil der Flughafen völlig überfüllt ist, setzen wir uns mit all unserem Gepäck einfach erstmal mitten auf den Boden. Da Donsol auf derselben Insel wie Manila liegt (Luzon), checken wir online die Busverbindungen und tatsächlich geht heute Abend noch ein Nachtbus. Puh. Wir wissen nicht, wie die Busse oder Straßenverhältnisse hier sind, Jenni hat bereits eine schlaflose Nacht hinter sich. Sie kann sich das trotzdem vorstellen und so nehmen wir uns ein Grab zum Busbahnhof. Der erste Blick raus nach Manila bestätigt alles, was wir gelesen haben. Nicht schön.
Der Busbahnhof ist riesig und unübersichtlich und voller Menschen. Wir schieben uns durch die Menschenmengen, fragen uns zum richtigen Ticketschalter durch, warten dan ewig, bis wir endlich dran sind. Der Bus, den wir online gefunden hatten, ist bereits ausgebucht. Es gibt aber noch einen anderen, der ein paar Stunden früher fährt und dann nachts um 3 Uhr ankommt. Normalerweise versuche ich zu vermeiden mitten in der Nacht an einem Ort anzukommen, den ich nicht kenne und von dem ich nicht weiß, wie sicher es dort ist, aber wir sind mittlerweile wirklich müde, uns gehen die Optionen aus und wir wollen einfach nur hier weg.
Wir kaufen zwei Tickets, gehen zurück in die Wartehalle, verfrachten das Gepäck auf zwei Stühle, setzen uns mitten in dieses laute Gewusel. Und das ist der Moment, in dem Jennis Körper einfach in den totalen Shutdown fährt. Mit einem „Mir ist schlecht. Und irgendwie schwindelig.“, legt sie sich mitten im Busbahnhof auf den Boden und die Füße auf die Bank. Trotz Süßigkeiten, Cola und Eiswürfeln zum Kühlen wird Jenni die komplette nächste Stunde nicht wieder aufstehen und auch dann nur sehr wackelig. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich doch schon dieses Bauchgefühl hatte, dass es nach der lang Anreise zu viel wird noch weiterzureisen, und ich nicht nachdrücklicher darauf bestanden habe, dass wir die erste Nacht in Manila bleiben und erstmal ankommen. Ich wusste es doch besser. Ich organisiere uns ein Hotelzimmer, kläre am Telefon mit dem Busfahrer, dass wir nicht mitfahren werden und die Tickets verfallen lassen müssen, verfrachte Jenni und unser Gepäck in ein Taxi. Gefühlt dauert die Fahrt ewig und das Einchecken noch länger, aber dann sind wir irgendwann endlich im Zimmer und Jenni im Bett.
Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Wir werden dieses Hotelzimmer zwei Tage lang nur für einen 30-minütigen Spaziergang verlassen oder wenn ich uns Essen und Getränke aus dem 7 Eleven direkt neben dem Hotel besorge. Solange dauert es, bis es Jenni besser geht. Der Spaziergang entlang der Uferpromenade bietet einige schöne Ausblicke, aber alles in allem bleibt Manila das, was wir erwartet haben: Heruntergekommen, dreckig, arm. Jenni schießt trotzdem viele Fotos und ich muss schmunzeln und denke an meinen eigenen anfänglichen Enthusiasmus und diese Faszination für die vielen fremden Eindrücke zurück.
Zwei Tage nach unserer Ankunft auf den Philippinen können wir Manila dann verlassen. Der Bus ist jetzt irgendwie raus, für Jenni womöglich auch noch zu anstrengend, denn 100%ig fit, ist sie noch nicht. Aufgrund der Flugpreise ändern wir spontan unsere Pläne und fliegen als erstes auf die Insel Palawan. Dann reisen wir eben gegen den Uhrzeigersinn.
Ich muss zugeben, dass ich die Distanzen hier sehr unterschätzt habe. In Thailand sind wir mit der Fähre von Insel zu Insel geschippert und irgendwie bin ich davon ausgegangen, dass das hier auch so läuft. Tut es aber nicht. Wir merken schnell, dass wir mehrere Inlandsflüge werden buchen müssen, um von Insel zu Insel zu kommen, und auch, dass diese oft schon ausverkauft sind. Genau wie die meisten Unterkünfte. Spontan und flexibel zu reisen je nach Lust und Laune und abhängig davon wie gut es uns an einem Ort gefällt, gestaltet sich hier auf den Philippinen eher als schwierig.
Statt direkt nach El Nido ganz im Norden Palawans zu fliegen, wo wir hin wollen, steuern wir daher den Flughafen in Puerto Princesa mittig von Palawan an. Ich habe irgendwo gelesen, dass die Fahrt von El Nido von da aus nur zwei Stunden beträgt, also macht es auch wirklich keinen großen Unterschied. In Puerto Princesa angekommen ist irgendwie nicht ganz klar, welcher Transport der ist, den unsere Unterkunft in El Nido für uns organisiert hat – aber nach einigem Hin und Her zwischen den Fahrern, Flughafenpersonal und einem Telefonat mit unserem Gastgeber in El Nido steigen wir schließlich einfach in irgendeinen Van ein. Was für mich Normalität und mit viel Gelassenheit verbunden ist, ruft bei Jenni Nervosität und vielleicht sogar einen kleinen Hauch Panik hervor. Während sie wilde Entführungsszenarien an die Wand malt, stelle ich fest, dass die Fahrt nach El Nido sechs statt zwei Stunden dauert und wir dann auch nochmal eine Stunde weiter müssen, weil unsere Unterkunft so weit außerhalb liegt. Wir machen es uns also erstmal gemütlich – eingequetscht auf einem 1,5er Sitz zwischen dem Gepäck aller Passagiere und einem Klappsitz direkt vor Jenni, der ihr jedes Mal, wenn der Van anfährt, auf die Knie fällt. Willkommen in Asien!

Auch während der Fahrt schießt Jenni viele Fotos und macht Videos. Es ist super spannend und irgendwie auch total schön, all das hier nochmal ganz neu durch Jennis Augen zu entdecken, die zum allerersten Mal in Asien ist. Die unfassbaren Menschenmengen an Flughäfen und Busbahnhöfen. Die Kühe am Straßenrand. Die fünfköpfigen Familien auf den Rollern. Kleine Mädchen in hochhakigen Schuhen. In einen dunklen und unbeschilderten Van mit getönten Scheiben einzusteigen, einfach nur weil der Fahrer sagt Ja ja, er sei der Transport zwischen dem Flughafen in Puerto Princesa und der Küstenstadt El Nido. Die 7 Eleven Supermärkte, die an der Kasse direkt das abgepackte Sandwich toasten, Wasser für die Tütensuppe aufkochen oder Dir das Fertiggericht direkt in die Mikrowelle schieben. Die Fahrten mit den laut röhrenden und klapprigen Tuktuks (oder hier Tricycles), die klingen, als würden sie jeden Moment auseinanderfallen. Wie der Fahrer dann kurz rechts ran fährt, um an irgendeinem Straßenstand eine mit Benzin gefüllte Colaflasche zu kaufen, die er dann in seinen Tank füllt. Diese asiatischen Tchibos, in denen man Touren buchen, Roller mieten, Simkarte kaufen, seine Wäsche waschen oder sich massieren lassen kann. Im Zweifel verlängern sie Dir auch das Visum. Die unzähligen Hunde und Katzen in Restaurants, Unterkünften, am Strand… All diese kleinen Dinge, die nun seit fast vier Monaten zu meinem Alltag gehören.
Vom Busbahnhof in El Nido aus geht es dann nochmal eine knape Stunde mit dem Taxi weiter. Weil wir erst spät ankommen und unsere Gastfamilie ein kleines Kind hat und deswegen bereits schläft, lässt der Taxifahrer uns in unser Zimmer, überreicht noch das WLAN Passwort und die Frühstücksspeisekarte und versorgt uns mit Wasser. Haben die vorher wohl so abgesprochen. Klar.
Wir haben über Airbnb ein Homestay direkt am Strand in der Nähe des berühmten Nacpan Beach gefunden, die Terrasse bietet Meerblick und perfekte Sicht auf den Sonnenuntergang. Das entschädigt auf jeden Fall für das katastrophale Zimmer mit dem stinkenden Ausfluss im Bad, der unfassbar laut röhrenden Klimaanlage und den viele Spalten und Ritzen, durch die Tiere hereinkommen. Bereits in der ersten Nacht erlegen wir eine Kakerlake im Bad und eine unfassbar große und schnelle Spinne, die über unsere Wände und den Fußboden rennt. Für das Mosquitonetz, das Jenni mitgebracht hat und über das ich anfangs schmunzeln musste, bin ich schnell sehr dankbar.


Ich kann unsere Tage in Palawan nur als paradiesisch beschreiben. Wir verbringen zwei Tage an dem wunderschönen und weitläufigen Nacpan Beach, schlürfen Kokosnüsse, lassen uns von den meterhohen Wellen umwerfen, verlieren eine Packung Kekse und fast eine Tube Sonnencreme an einen Straßenhund (letztere können wir zurück ergattern).

Einen Tag machen wir eine Inselhopping Tour durch das Bacuit Archipel, erkunden traumhaft schöne Strände und noch schönere Schnorchelspots, sehen unfassbar viele Fische, Seesterne und Korallen unter Wasser. Können irgendwie nicht so richtig fassen, dass das alles echt ist und wir tatsächlich hier sind.





Danach gehen wir in El Nidos Zentrum noch Pizza essen und Wein trinken, weil rund um unsere Unterkunft gar nichts los ist und wir sonst die Abende immer nur im hauseigenen Restaurant verbringen (immerhin haben sie leckeren Gin Tonic). Auf dem Rückweg fährt Jenni das erste Mal Tricycle und ich muss lachen, weil es wirklich ein besonders lautes Exemplar ist. Und die Straße zu unserer Unterkunft auch wirklich holprig. Jedes Mal, wenn der Fahrer schaltet, geht das Licht aus.

Weil wir gar nicht genug von den Stränden und dem Schnorcheln kriegen können und ein Tag einfach nicht genug war, leihen wir uns am nächsten Tag ein Kajak, kaufen uns eigenes Schnorchelequipment und paddeln vom Hafen aus auf eigene Faust los. Die zahlreichen lästigen Verkäufer am Strand, die uns beharrlich eine Wet Bag verkaufen wollen, damit unsere Sachen nicht nass werden, schütteln wir erfolgreich ab. Wir haben eine Plastiktüte, in die wir den Rucksack stellen können, falls der Boden des Kajaks nass wird. Voller Tatendrang machen wir uns auf den Weg. Der erste Strand ist schon in Sicht und gar nicht weit weg.
Okay. Vielleicht ein bisschen weiter als wir dachten. Und dann noch ein bisschen. Der Seegang ist stark, die Wellen sind hoch und irgendwie ist das hier verdammt anstrengend. Der Rucksack in der Tüte fällt auch ständig um. Irgendwann bindet Jenni ihn von hinten an meiner Schwimmweste fest. Ha! Wer braucht schon eine Wet Bag!?
Nach 45 Minuten sind wir da. Hat sich gelohnt! Wir picknicken, schnorcheln, finden handflächengroße Muscheln, genießen das Leben. Steigen wieder ins Kajak und fahren weiter zum nächsten Strand. Und zum nächsten. Saugen diese Postkartenpanoramen ein so tief wir können.



Bis wir uns um kurz nach vier auf den Rückweg machen, weil wir bis 17 Uhr das Kajak zurückbringen müssen. Das schaffen wir ja locker. Wir paddeln los. Und paddeln. Und paddeln. Irgendwie kommen wir gar nicht richtig vorwärts. Mir tun schnell die Arme weh. Jenni auch. Irgendwann ziehen zahlreiche Touriboote an uns vorbei, die ihre Touren beenden und zurück Richtung Hafen fahren. Alle winken fröhlich. Wir hecheln und schwitzen. Uns tun die Arme weh. Wieso kommt denn dieser blöde Felsen da vorne überhaupt nicht näher? Uns tun die Arme weh. Die hohen Wellen, die durch die Boote erzeugt werden, krachen ins Kajak. ALLES ist nass. Wieso haben wir eigentlich keine Wet Bag gekauft? „So macht das überhaupt keinen Spaß“, jammere ich. Jenni stimmt das Sieben-Zwerge-Lied an. Uns tun die Arme weh. Sobald jemand von uns aufhört zu paddeln, um etwas zu trinken, werden wir zurückgeworfen. Wir setzen uns kleine Miniziele, aber auch die zu erreichen dauert ewig. Hab ich schon gesagt, dass uns die Arme weh tun? Nach über 90 Minuten erreichen wir den Hafen. Ich möchte nie wieder Kajak fahren.

Weil das Zentrum von El Nido so ein Wahnsinnsurlaubsflair hat mit den vielen kleinen Strandcafés und -restaurants, den vielen Boutiquen und Bars und wir bisher in unserer Unterkunft so weit weg davon waren, buchen wir noch eine Nacht hier mitten im Stadtkern und lassen uns den ganzen Abend einfach treiben. Wir bummeln durch die kleinen Lädchen, gehen super lecker thailändisch essen, holen uns Saft und Eis auf die Hand, trinken Cocktails in einer Rooftop Bar.


Ich merke richtig, wie ich runterkomme. Wie sehr das hier gerade Urlaub statt Reise ist und wie gut es tut, diese unglaublichen vier Monate in diesem wunderschönen Inselparadies und mit diesen Urlaubsgefühlen und ganz viel Leichtigkeit und Gelassenheit im Gepäck abzuschließen.
Ich merke aber auch wie sehr die Preise hier Urlaub sind und sich von meiner bisherigen Reise unterscheiden. Die Philippinen sind kostspielig. Die Preise für Unterkünfte, Transport und vor allem Essen sind um ein Vielfaches teurer als in anderen südostasiatischen Ländern. Kein besonders backpackerfreundliches Land. Wie passend, dass ich mir das bis zum Schluss aufgehoben habe und dann einfach zurück nach Hause reise, wenn mir das Geld ausgeht.
Am nächsten Morgen wachen wir das erste Mal in diesem Urlaub verkatert auf – davon, dass direkt vor unserem Zimmer eine gigantische Parade mit Pauken und Trompeten (das meine ich wörtlich) vorbeizieht, die einfach gar nicht aufhören will. Ich vergrabe meinen dröhnenden Kopf unter dem Kissen, was den Krach nur bedingt dämpft, und warte ab, bis die Menge vorbei gezogen ist, was sich ungefähr so lange hinzieht wie die gestrige Rückfahrt mit unserem Kajak.

Danach gehen wir super lecker frühstücken und wünschten wir hätten noch ein bisschen mehr Zeit in El Nido, aber der Flug ist gebucht und der Van zurück nach Puerto Princesa wartet.
Von Palawan aus geht es weiter nach Bohol. Die Flüge sind alle über mehrere Tage hinweg ausgebucht, sodass wir nach Cebu fliegen, dort übernachten und am nächsten Tag die Fähre nach Bohol nehmen müssen. Wir nehmen die Dinge wie sie kommen. Akzeptieren, dass hier alles langsamer und gemütlicher vonstatten geht, die Dinge länger dauern, der Weg das Ziel ist. Dafür ist der Service oft um Welten besser als bei uns in Deutschland. Als unser Flug von Puerto Princesa nach Cebu mehrere Stunden Verspätung hat, wird am Gate für alle warmes Abendessen und Wasser verteilt. Und dabei kann man sogar auswählen zwischen Schwein, Rind und vegetarisch.
Auf Bohol treffen wir auch Franzi wieder, die ihrerseits Besuch von ihrer Freundin Anna hat. Aber davon beim nächsten Mal.


