Durchatmen
„Wie herrlich ist es nichts zu tun und dann vom Nichtstun auszuruh’n.“
Heinrich Zille
Südindien. Kerala. Wie lange wir hin und her überlegt haben, ob wir tatsächlich hierher kommen sollen. Der Ausbruch des tödlichen Nipah Virus hier Anfang September einhergehend mit Lockdown und geschlossenen Grenzen zu den angrenzenden indischen Bundesstaaten hat uns ganz schön abgeschreckt. Wie traurig ich war, als ich dachte wir könnten nicht nach Kerala reisen, weil ich mich auf diesen grünsten aller Staaten mit den wunderschönen Backwaters doch so sehr gefreut hatte. Bis zuletzt haben wir uns alles offen gehalten, die Situation in Kerala im Auge behalten, mit Menschen vor Ort Kontakt gehabt. Aber sowohl laut WHO als auch Auswärtigem Amt wurden die letzten Fälle Mitte September gemeldet, alle Maßnahmen sind inzwischen aufgehoben und der einzig betroffen gewesene Ort liegt ganz im Norden Keralas – knapp 400km entfernt von dort, wo wir hin wollen. Also haben wir es gewagt.
Wir fliegen vier Stunden von Varanasi nach Kochi – um mal ein Gefühl dafür zu vermitteln wie riesig dieses Land ist. Irritierenderweise halten wir zwischendrin in Bangalore, wo Leute aus- und einsteigen, als säßen wir in einem Zug oder Linienbus. Ich mache mir ein bisschen Sorgen um unser Gepäck, aber in Kochi ist alles da.


Als wir aus dem Flugzeug aussteigen, laufen wir gegen eine Wand aus schwüler Hitze und fangen augenblicklich an zu schwitzen. Willkommen im Süden!
In Kochi selbst benötigen wir drei weitere Stunden, um mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu unserem Homestay zu gelangen. Vom Flughafen geht es mit dem Shuttlebus zur Metrostation, mit der super mordernen Metro (sehr klimatisiert und kalt!) ewig lange bis ins Stadtzentrum und von dort mit einem der uralten, klapprigen Public Buses, die in Deutschland wohl schon vor zehn Jahren nicht mehr durch den TÜV gekommen wären, weiter bis an die Küste. Der Bus ist rappelvoll, wir schieben uns mit unserem Gepäck durch die Menge, wissen gar nicht, wohin mit unseren Rucksäcken. Irgendwann dann eine kleine Lücke, wo wir sie abstellen können. Von allen Seiten kleben Menschen aneinander, die Haltegriffe befinden sich über unseren Köpfen, danke meiner Körpergröße befindet sich mein Gesicht damit hauptsächlich auf Höhe irgendwelcher verschwitzten Achseln. Der Bus fährt so langsam, dass durch die offenen Türen und Fenster kaum ein Windzug hereinkommt, schon nach kürzester Zeit ist da kein Quadratzentimeter meines Körpers mehr, an dem mir nicht der Schweiß runterläuft. Die 45 Minuten fühlen sich an wie zwei Stunden und obwohl es einfach nur schrecklich ist, muss ich zwischendurch auch darüber lachen, wie verrückt das ist, das ich in Indien bin und gemeinsam mit den vielen anderen Menschen hier mit diesem klapprigen Bus durch die Gegend schaukele. Natürlich sind wir die einzigen Touristen.

Indien ist hier unten im Süden ganz anders als im Norden – als wäre man in einem anderen Land gelandet. Das merken wir schon nur auf der Fahrt vom Flughafen zur Unterkunft. Es ist nicht nur das Wetter und Klima oder die grünen Landschaften und die saubere und klare Luft. Irgendwie sind die Leute entspannter. Legerer und morderner gekleidet. Grüßen freundlich. Wir werden nicht so angestarrt, niemand ist aufdringlich. Frauen unterhalten sich lebhaft anstatt schweigend zu Boden zu schauen, scheuen nicht den (Blick-) Kontakt zu Anderen. Oder zu uns. Paare halten Händchen, eine Frau streichelt ihrem Mann zärtlich über den Kopf verwuschelt seine Haare. Alles kleine Szenen, die wir in Nordindien so nie beobachten konnten.
Und dann sind wir da. Wir wohnen in einem süßen, kleinen Homestay in Strandnähe bei einer streng religiösen, christlichen Familie. Überall hängen Kreuze, Sprüche aus der Bibel und Bilder von Jesus. Morgens und abends versammelt sich die Familie zum gemeinsamen Beten im Wohnzimmer. Wir erfahren, dass Kochi als erstes eine portugiesische Kolonie war, daher überwiegend christlich geprägt ist und vor allem hier in Fort Kochi eine Vielzahl portugiesischer Kirchen zu finden ist.

Unsere Tage in Kochi sind bestimmt vom NICHTS TUN. Wir schlafen jeden Morgen aus, kriegen in unserem Homestay täglich ein anderes, aber stets unfassbar köstliches Kerala Breakfast, legen uns dann wieder hin. Passend zu der Pause, die wir uns hier nehmen möchten, werden wir beide krank und verbringen daher auch gezwungenermaßen viel Zeit im Bett. Aber auch unabhängig davon ist es so schön runterzukommen und nichts zu tun. Wir schauen Disneyfilme, schlendern durch den Ort, erkunden jeden Tag ein neues Café, machen ausgiebige Spaziergänge am Meer entlang, ruhen uns dann wieder aus.






Wir atmen durch. Im übertragenen wie auch wortwörtlichen Sinn, denn so intensiv wie wir nur können saugen wir die frische Meeresluft auf, nachdem wir zehn Tagen lang ununterbrochen von Smog umgeben waren. Wir lassen die Eindrücke der vergangenen Wochen Revue passieren, nehmen uns Zeit all das Neue, Bunte, Unbekannte zu verarbeiten. Versuchen irgendwie Platz zu schaffen für die vielen Eindrücke und Erlebnisse, die noch auf uns warten. Die einzige Frage, mit der wir uns hier beschäftigen, ist: Was essen wir als Nächstes? Und das Essen ist wie schon im Norden des Landes der Wahnsinn! Wir probieren jeden Tag etwas Neues aus, oft wissen wir gar nicht so richtig, was wir bestellen, sagen nur jedes Mal „Vegetarisch und nicht scharf, bitte!“ Einmal ist es dadurch etwas zu fad, oft ist es trotzdem scharf, aber immer lecker, lecker, lecker!

Das Aufregendste, was uns hier passiert, ist der unfassbare Regenschauer direkt am ersten Abend, als wir gerade unterwegs sind, um etwas zu essen. Bei unserer Rückkehr müssen wir feststellen, dass das Fenster in unserem Zimmer noch auf war und der ganze Raum wortwörtlich geflutet ist. Franzis Bett ist patschnass, auf ihrer Seite des Raumes steht das Wasser, unsere Sachen sind fast alle nass. Darunter auch meine Kamera, meine Buch und vor allem mein Tagebuch inkl. aller Abschiedsbriefe und Karten, die ich von Familie, Freundinnen und Arbeitskolleginnen bekommen und dort hineingelegt hatte. Zum Glück ist ein noch ein anderes Zimmer frei, sodass wir umziehen können und dann trocknen einfach tagelang unsere Sachen. Zum Glück hat nichts größeren Schaden davon getragen. Und meine Bücher…nun ja, die sehen nun eben auch aus als hätten sie ein Abenteuer erlebt.
Der einzige Grund, warum wir Kochi nach vier Tagen wieder verlassen, ist dass die Backwaters rund um Alleppey nochmal viel schöner sein sollen. Und die Backwaters anzuschauen ist tatsächlich der einzige Plan, den wir für die Zeit hier unten haben.
In Alleppey schlafen wir bei Aseem, einem Kontakt, der über Kontakte entstanden ist, wie so häufig hier – wir haben das einfach über WhatsApp geregelt. Er wohnt in unmittelbarer Nähe zum Strand, überlässt uns aber beide Schlafzimmer und zieht solange zu seiner Mutter. Wieder wohnen wir sehr günstig, wieder haben wir keine Klimaanlage. Nachts kühlt es kaum ab, sich im Zimmer überhaupt aufzuhalten wäre ohne Ventilator unmöglich – wenn der Strom ausfällt flüchten wir nach draußen. Das Leben findet hier draußen statt, kleine Shops, Cafés, Restaurants, alles ist offen, wenn man Glück hat, gibt es einen Ventilator. Aber keine Möglichkeit, der drückenden Hitze und Schwüle zu entkommen. Wenn es unerträglich wird, hilft nur noch die kalte Dusche (warmes Wasser gibt es hier sowieso nicht). An das permanente Schwitzen gewöhnen wir uns irgendwann.


Im Gegensatz zu Kochi gibt es in Alleppey sogar Sandstrände. Am ersten Tag stürzen wir uns an einer fast menschenleeren Stelle daher begeistert in die Fluten – und nehmen quasi ein sehr warmes Bad. Es bleibt das einzige Mal, dass wir schwimmen gehen – so richtig wohl fühlen wir uns einfach nicht dabei, da niemand sonst in Badekleidung zu sehen ist. Die wenigen Männer und Frauen, die hier ins Meer gehen, tun dies voll bekleidet. Der Strandurlaub muss also noch etwas warten… Wir begnügen uns mit langen Strandspaziergänge und machen im Prinzip genau da weiter, wo wir in Kochi aufgehört haben.


Und dann steht Ausflug in die Backwaters an! Die Backwaters in Kerala sind ein großes Wasserstraßennetzwerk aus miteinander verbundenen Flüssen, Seen, Kanälen und Lagunen mit einer Gesamtlänge von ca. 900km. Sie werden auch das Venedig des Ostens genannt. Hier treffen Süß- und Salzwasser aufeinander, die Vegetation ist dicht und üppig, und die Menschen, die hier leben, bewegen sich eben mit Kanus statt Auto oder Roller fort.
Nach langem Hin und Her haben wir uns gegen eine mehrtägige Tour auf einem Hausboot entschieden. Das ist uns zu teuer, zu touristisch, und außerdem können diese Boote aufgrund ihrer Größe nicht in die vielen schmalen Kanäle fahren, sondern bleiben auf den breiten Hauptwasserstraßen. Stattdessen hat Aseem den Kontakt zu jemandem hergestellt, der uns in seinem Kanu mit in die Backwaters nimmt.
Wir fahren früh morgens mit dem Tuktuk zum Hafen in Alleppeys Zentrum und besteigen dort die lokale Fähre, die in die Backwaters hineinfährt und wie ein Bus verschiedenen Haltestellen ansteuert, um die dort lebenden Menschen von A nach B zu bringen. Gemeinsam mit einem indischen Paar aus Bangalore steigen wir an der letzten Station aus und werden von einem älteren Mann mit nach Hause genommen, wo seine Frau uns erstmal ein herzhaftes Frühstück auftischt. Die Schuhe bleiben wie übliche draußen, die Hände waschen wir uns mit einem Eimer Wasser vor der Tür, hinten im Garten gibt es ein Plumosklo. Der Mann und die Frau, die hier wohnen, sprechen kein Englisch und wir verständigen und irgendwie mit Zeichensprache, aber während des Frühstücks kommen wir mit dem Paar aus Bangalore ins Gespräch. Sie sind seit einem Jahr verheiratet, er ist Lehrer, sie kümmert sich um den Haushalt – wie die meisten Frauen hier in Indien.




Nach dem Frühstück besteigen wir das Kanu, das vor dem Haus im Kanal liegt und dann schippern wir etwa drei bis vier Stunden durch das verzweigte Wasserstraßensystem der Backwaters. Ich verliere schon nach drei Abbiegungen die Orientierung. Es ist so schön. In einer unfassbaren Ruhe und Idylle schlängeln sich die schmale Kanäle durch Grün, Grün, Grün. Überall Palmen, rechts und links immer wieder Häuser und Hütten direkt am Ufer, deren Haustür zum Wasser führt, wo ein Kanu bereit liegt. Männer und Frauen, die ihre Wäsche direkt im Kanalwasser waschen, Fische ausnehmen oder das eigene morgendliche Waschen vornehmen.










Uns begegnen Kanus mit Händlern, die vom Wasser aus Fisch oder frisches Obst und Gemüse an die Menschen am Ufer verkaufen. Auf den breiteren Wasserstraßen werden größere Materialien geliefert und sogar Baustellenfahrzeuge transportiert. Es gibt gut ausgebaute Strecken und verschlungenen und von wuchernden Pflanzen dominierte schmale Gassen, überall kommen wir mit dem Kanu durch und beglückwünschen uns mehr als einmal zu dieser Entscheidung. Zwischendurch kaufen wir eine frische Kokosnuss. Alles wirkt so entschleunigt und friedlich, ich könnte mich den ganzen Tag so durch die Backwaters treiben lassen und einfach nur die Menschen beobachten.









Aber irgendwann ist die Zeit vorbei und wir kehren für ein spätes Mittagessen nochmal zurück zu dem kleinen Häuschen, wo wir morgens schon das Frühstück bekommen haben. Diesmal ist es unerträglich scharf und ich muss einen Teil des Essens stehen lassen. Anschließend geht es mit der Fähre zurück nach Alleppey hinein.



Ansonsten gibt es aus Alleppey nicht viel zu berichten. Wir trauen uns hier inzwischen deutlich gelassener an Street Food heran, probieren frittierten Blumenkohl, frittierte Bananen und frittierte Eier – dazu selbstverständlich Chai. Dann findet während unserer Zeit hier das große Lichterfest Diwali statt, einer der wichtigsten Feiertage in Indien. Auf den Straßen gibt es jede Menge Blumen zu kaufen, ein paar Lichterketten hängen und hier und da werden ein paar Feuerwerkskörper gezündet, aber die großen Feierlichkeiten bleiben aus. Wir haben schon in Nordindien oft gehört, wie schade es doch ist, dass wir zu Diwali im Süden sind, da es dort bei Weitem nicht so groß gefeiert wird. Aber wenn ich mir die Nachrichten über den Smog in Delhi und Umgebung anschaue und wie viel schlimmer das durch das viele Feuerwerk zu Dewali noch werden soll, bin ich eigentlich ganz froh, dem zu entkommen.



Achja und dann ist da noch die Geschichte mit diesen verrückten Vögeln, die zu Hunderten in den Bäumen brüten und dann gemeinschaftlich alles und jeden vollkacken, der unter dem Baum herläuft. Ist das ein Verteidigungsmechanismus? Wir konnten dazu nichts näheres herausfinden, aber wie blitzartig man von mehreren Vögeln gleichzeitig vollgeschissen wird, ist wirklich eindrücklich. Wir hatten direkt zweimal das Vergnügen und während ich beim ersten Mal noch ausweichen konnte und nur meine Hose, mein Ellbogen und meine Bauchtasche etwas abgekriegt, erwischt es Franzi komplett: Haare, Gesicht, Kleidung, Hände, Handy (das sie gerade in der Hand hielt). Ich bewundere sie sehr dafür, dass sie alles grob abgewischt hat und dann tatsächlich noch mit mir essen gegangen ist, ich hätte sofort nach Hause und unter die Dusche gewollt…


Nun sind wir mit dem Zug weiter nach Trivandrum gefahren, wo sich Franzis und meine Wege erstmal trennen werden… Franzi zieht es weiter: Sie will auch nach Sri Lanka und fliegt von hier aus dorthin. Ich möchte noch länger in Indien bleiben, will zumindest mal einen Monat in einem Land verweilen, tiefer eintauchen anstatt immer überall nur den großen Zeh reinzustippen. Außerdem will ich unbedingt mal noch in das Leben in einem indischen Ashram reinschnuppern. Yoga und Meditation sind ein so großer Teil der indischen Kultur, dass ich diese Erfahrung auf jeden Fall mitnehmen möchte. Daher habe ich mich auf die Suche nach einem Ashram in Kerala gemacht – und eines entdeckt, das mir total gut gefällt. Vielleicht bleibe ich ein paar Tage, vielleicht ein bis zwei Wochen, ich lasse das jetzt auf mich zukommen und schaue wie es mir gefällt. Also wundert Euch nicht, solltet ihr eine zeitlang nichts von mir hören.
Und Franzi und ich treffen uns dann Anfang Dezember wieder in Thailand 🙂



2 Kommentare
Wolfgang Berg
Ich entschuldige mich aufrichtig für diesen Kommentar! Aber ich teste einige Software zum Ruhm unseres Landes und ihr positives Ergebnis wird dazu beitragen, die Beziehungen Deutschlands im globalen Internet zu stärken. Ich möchte mich noch einmal aufrichtig entschuldigen und liebe Grüße 🙂
Lena
Das sah ja sehr schön aus mit den Palmen und dem blauen Himmel! Den Tisch aus Pappe fand ich gut, einfach und genial gleichzeitig!
Liebe Grüße!
Lena