Schnipsel


„Umwege erweitern die Ortskenntnis.“

Kurt Tucholsky

Kambodscha: Wie eine Welle überschwappen uns unzählige Eindrücke und dann ist die Flut auch schon wieder vorbei – genauso schnell wie sie gekommen ist.

Wir wollen von Thailand weiter nach Vietnam. Von Bangkok nach Ho Chi Minh City um genau zu sein. Dort kommt Jörn am 22.12. an, um die Weihnachtsferien mit mir gemeinsam in Vietnam zu verbringen. Statt zu fliegen, nehmen wir den Bus. Und statt die etwa 20-stündige Strecke am Stück zurückzulegen, die einmal quer durch Kambodscha führt, nehmen wir uns für diese Fahrt vier Tage, um hier und da ein bisschen kambodschanische Luft zu schnuppern. Es ist viel zu wenig Zeit für ein vollständiges Bild von Kambodscha, aber genug, um kein völlig unbeschriebenes Blatt mehr zu sein. Wir sammeln Schnipsel. Kleine Fragmente, die wir zu unserem ganz persönlichen, kleinen Erfahrungsschatz zusammensetzen.

Wir verlassen Thailand in einem sehr schicken und gemütlichen Zehn-Personen-Van. Es gibt WLAN, USB-Anschlüsse, um Handys o.ä. aufzuladen, jeder bekommt eine Flasche Wasser und eine Snacktüte. Die Grenze nach Kambodscha passieren wir zu Fuß: Ein kleines Gebäude, zu dem wir uns zwischen Streetfood Ständen und kleinen Souvenirläden hindurchschlängeln, innen dann ein Immigration Point wie am Flughafen. Wir bekommen ein Visa on Arrival ausgestellt, verlassen das Gebäude auf der anderen Seite und betreten kambodschanischen Boden. Der Van wartet bereits.

Unser Weg führt uns als Erstes nach Siem Reap – dem Ausgangspunkt für Ausflüge zu den beeindruckenden Tempelanlagen von Angkor Wat. Dort verbringen wir die ersten zwei Nächte. Wir gönnen uns hier das erste Mal auf dieser Reise ein Hotel. Es hat erst vor zwei Monaten geöffnet und günstige Sonderangebote sowie kostenlose Upgrades. Es gibt einen Pool, ein eigenes Restaurant, in unserem Zimmer hängen Bademäntel im Schrank, ein Fernseher an der Wand und die Dusche hat eine eigene Vertiefung mit Abfluss, duscht nicht die Toilette mit und flutet nicht das Bad. Wir sind im Himmel. Wir werden sogar umsonst vom Busbahnhof abgeholt.

Der Check-in dauert sehr, sehr lange, da der wirklich nette, aber auch pausenlos sprechende Hotelmanager uns nicht nur die komplette Entstehungsgeschichte des Hotels erzählt, sondern auch seine gesamte eigene Lebensgeschichte und die seiner Angestellten. Außerdem bedankt er sich etwa 97x dafür, dass wir hier übernachten. Nach etwa einer Stunde sind wir dann soweit, dass wir ihn „Papa“ oder „Bruder“ nennen dürfen. Außerdem werden wir darum gebeten, nicht immer nur im hoteleigenen Restaurant zu essen, sondern auch die umliegenden Lokale zu besuchen – die bräuchten schließlich auch das Geld und die Touristen… Willkommen in Kambodscha!

Die Nacht beginnt spät und endet früh – um 4.30 Uhr geht der Wecker, da wir zum Sonnenaufgang in Angkor Wat sein wollen. Wir haben für den gesamten Tag einen Tuktuk Fahrer, der uns zu den wichtigsten Tempeln dieser gigantischen Anlage bringt – oft liegen mehrere Kilometer dazwischen.

Tatsächlich ist Angkor Wat („Stadt der Tempel“) nur ein Teil der riesigen Tempelanlagen von Angkor nördlich von Siem Reap. Angkor Thom beispielsweise liegt in unmittelbarer Nähe und ist deutlich größer. Trotzdem gilt Angkor Wat als das bedeutende Nationalsymbol, findet sich auf der kambodschanischen Flagge, den Geldscheinen und ist auch sonst überall im Land zu sehen.

Wir kommen noch im Dunkeln an, suchen uns mit Taschenlampen einen Sitzplatz und beobachten dann wie die aufgehende Sonne die Anlage in Lichter und Farben taucht. Ein sehr besonderer Moment.

Sonnenaufgang über Angkor Wat
Wir meiden die Menschenmasse vorne am Wasser und beobachten lieber aus dem Hintergrund

Für die Angkor Wat Anlage nehmen wir einen Guide mit, der uns mit vielen Informationen und historischen Hintergründen versorgt. Hinweisschilder oder -tafeln, Beschriftungen oder sonstige schriftliche Informationen zu dem, was es hier zu sehen gibt, sind nämlich Fehlanzeige – wie so oft hier in Asien. Und wenn es sie doch gibt, sind sie fast nie auf Englisch.
Es ist eine interessante Tour, wobei der Fokus‘ unseres Guides vor allem darauf liegt, die perfekten Fotos von uns zu schießen – früher hat er hier wohl als Fotograf gearbeitet. Die Anlage ist super schön und beeindruckend, aber es ist auch wahnsinnig touristisch. Sehr überlaufen, überall diese Fotografen, die Dich für 1$ pro Bild fotografieren wollen, Menschenmassen schon zum Sonnenaufgang. Wir fühlen uns sehr an das Taj Mahal erinnert.

Zahlreiche Statuen ohne Kopf – sie sind Tempelplünderungen zum Opfer gefallen und auf Bangkoks Schwarzmarkt verhökert worden
Wunderschönes Angkor Wat

Als wir weiterfahren, um Angkor Thom und weitere Tempelanlagen zu besichtigen, wird es deutlich entspannter. Es gibt keine Souvenirstände mehr, keine Fotografen, die Menschenmassen verlaufen sich. Wir verzichten auf weitere Guides, schlendern lieber alleine über die Anlagen, erklimmen an diesem Tag bestimmt 5000 Stufen, stauen, staunen, staunen. Es gibt tatsächlich Touristen, die hier mit Fahrrädern unterwegs sind und so die teils kilometerlangen Strecken in der Mittagssonne bei schätzungsweise 36 Grad zurücklegen. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich das bewundernswert oder lebensmüde finde.

Tempelstadt Angkor Thom
Überall Affen

Neben der riesigen Anlage von Angkor Thom, die wohl vor allem für ihre zahlreichen Affen bekannt ist, schauen wir uns noch drei weitere Tempel an: Den Takeo Tempel, den Ta Prohm Tempel und den Banteay Kdei Tempel. Der Ta Prohm wird auch „Tomb Raider Tempel“ genannt, weil hier wohl Filmszenen gedreht wurden. Er ist und bleibt unser Tageshighlight. Im Gegensatz zu den zahlreichen Restaurierungen an vielen der anderen Tempelanlagen, scheint dieser hier dem Verfall überlassen zu werden. Die Anlage und die sie umgebende Mauer ist an vielen Stellen eingestürzt und man kann förmlich dabei zusehen, wie der Dschungel sich sein Gebiet zurückholt. Unzählige Baumwurzeln ranken sich um und über Wände und Mauern hinweg oder durchbrechen diese einfach, erkämpfen sich den Platz zurück, von dem sie verdrängt worden sind. Dazwischen immer wieder Schutt und Geröll von bereits zusammengebrochenen Mauern. Während ein derart einsturzgefährdetes Gebäude in Deutschland wohl weitläufig abgeriegelt werden würde, gilt hier: „Betreten auf eigene Gefahr.“
Wir erkunden jede Ecke und jeden Winkel und es fühlt sich alles sehr abenteuerlich an.

Takeo Tempel
Ta Prohm Tempel

Gegen 14 Uhr sind wir zurück im Hotel, was mir erst sehr früh vorkommt, bis mir auffällt, dass wir bereits seit neun Stunden unterwegs sind. Wir verbringen den Nachmittag gemütlich am Pool, schlemmen tannenbaumförmige Waffeln (Weihnachtsstimmung auf kambodschanisch) und sind nach dem Duschen abends so platt, dass wir uns in die Bademäntel kuscheln, Essen aufs Zimmer bestellen und ins Bett gekuschelt Pad Thai essen. Was für ein Luxus! Ich will hier nie wieder weg.

Tatsächlich verlassen wir Siem Reap aber bereits am nächsten Morgen wieder. Der Hotelmanager bringt uns persönlich zum Busbahnhof, nachdem er uns noch verschiedene Früchte probieren lässt, die er früh morgens aus seinem Heinatdorf geholt hat, und die wir im Leben noch nicht gesehen haben. Auf dem Weg zum Bus hält er eine flammende Rede über Gastfreundschaft und Familie und Dankbarkeit und als er uns zum Abschied drückt, denke ich kurz er fängt an zu weinen. Er sammelt sich dann kurz, atmet durch, winkt nochmal und ist verschwunden.

Wir fahren weiter nach Phnom Penh, die kambodschanische Hauptstadt, wo wir zwei weitere Nächte verbringen wollen, bevor es nach Vietnam geht. Die Fahrt dauert etwas sechs Stunden – als wir ankommen ist es schon dunkel. Wir haben ein süßes kleines Hostel mit Pool, aber der Komfortverlust zur letzten Unterkunft ist gravierend.


Franzi entdeckt online, dass es einen Nachtmarkt im Stadtzentrum gibt und wir rufen uns ein Tuktuk Taxi per Grab und fahren hin. Unterwegs betrachten wir das nächtliche Phnom Penh. Es ist wunderschön beleuchtet, Weihnachtsbäume stehen gefühlt vor jedem Gebäude, das Leben spielt sich auf den Straßen ab. Ähnlich wie in Indien gibt es hier allerdings auch wieder bettelnde Straßenkinder. Hier knien sie sich sogar neben das Fahrzeug, verneigen sich, während sie die Hände aufhalten. Das haben wir so in Thailand gar nicht erlebt.

Überhaupt fällt uns erst jetzt so richtig auf, wie westlich Thailand war. Dass es touristisch ist, haben wir natürlich gemerkt, aber vieles habe ich auch einfach darauf geschoben, dass ich gerade aus Indien komme und Thailand im Vergleich einfach entwickelter ist. Jetzt im Kambodscha merken wir erst wie sehr die Infrastruktur, die Art sich zu kleiden, der Komfort beim Reisen, die vielen internationalen Restaurants, etc. dem Westen ähneln. Wie ganz anders Kambodscha als direkter Nachbar da ist. Und auch wieviel weniger touristisch, wenn man von Angkor Wat mal absieht.

Auf dem Night Market können wir außer uns keine anderen Touristen entdecken. Ganz am Ende befinden sich die Garküchen und Streetfood-Stände, kreisförmig angeordnet, in ihrer Mitte wird auf dünnen Matten auf dem Boden sitzend gegessen. Eine wahnsinnig gemütliche Atmosphäre. Hier spricht niemand Englisch. Wir haben keine Simkarte und können den Google Übersetzer daher nicht nutzen. Also verständigen wir uns irgendwie mit Händen und Füßen, bestellen Lort Cha (Reisnudeln mit einer würzigen Soße, Gemüse und Spiegelei), was ein typisches Nationalgericht sein soll und einen frisch gepressten Saft. Zum Nachtisch gibt es Eis aus einer Kokosnuss. Wir laufen die 3km nach Hause, treffen nur Locals auf den Straßen, genießen das nächtliche Treiben hier.

Den nächsten Tag verbringen wir hauptsächlich mit der noch jungen kambodschanischen Geschichte rund um den Genozid durch die Roten Khmer von 1975-1979. Wir starten im Tuol Sleng Genozid Museum, dem damaligen Gefängnis S21, das für Verhöre, Folter und Hinrichtungen genutzt wurde. Heute ist es ein Museum und dient gleichzeitig als großes Denkmal mit Gedenktafeln, auf denen alle hier Verstorbenen namentlich aufgeführt sind. Das Gelände war früher eine High School, welche die Roten Khmer zweckentfremdet haben – die Klettergerüste im Hof, die immer noch stehen, wurden zu perfidem Foltsrinstrumenten umfunktioniert. Die als Zellen genutzten Klassenräume sind größtenteils noch so erhalten, an manchen Wänden finden sich noch Blutspuren. Die Fotos von etwa 6000 Opfern, überwiegend gebildete und religiöse Menschen, aber auch Touristen, säumen die Wände – bis heute sind nicht alle identifiziert. Bis zu 20.000 Menschen sind hier festgehalten worden – nur zwölf von ihnen haben überlebt… Es ist harte Kost.

Memorial

Das Tuol Sleng ist nur eins von ca. 200 solcher Gefängnisse im gesamten Land, genau wie die Killing Fields etwas außerhalb von Phnom Penh, zu denen wir als nächstes fahren. Massengräber, die zur Hinrichtung und zum Verscharren der Leichen genutzt wurden, als die Anzahl der Inhaftierten und Toten in den Gefängnissen deren Kapazitäten überstieg. Wenn von den Gefangenen durch Folter erfolgreich (falsche) Geständnisse erpresst wurden, sind sie zu ihrer Hinrichtung hier raus gefahren worden. Die Opfer wurden dabei nicht erschossen, weil Kugeln zu teuer und auch zu laut waren. Stattdessen wurden sie erschlagen oder ihnen wurde die Kehle durchgeschnitten. Ermordung aus nächster Nähe. Ich versuche mir diese Menschen vorzustellen, die diese Todesurteile vollstreckt haben, kann mir dieses Fehlen jeglicher Hemmschwelle nicht mal im Ansatz begreiflich machen. Von acht Millionen Einwohnern sind zwei Millionen innerhalb von vier Jahren so um’s Leben gekommen.

Wir betrachten betroffen das weitläufige Gelände und die große Gedenkstupa in der Mitte. Hören per Audiogiude so viele persönliche Geschichten von Betroffenen. Besonders unter die Haut geht mir der Killing Tree in der Mitte des Geländes. Hier sind vor allem Kleinkinder totgeschlagen worden. Die Roten Khmer haben aus Angst vor später Rache in der Regel immer die gesamte Familie ausgelöscht. Der Baum ist geschmückt mit unendlich vielen bunten Armbändern, eine Spiderman Kappe hängt an einem Zaunpfosten. Alle leerstehenden Massengräber sind beschriftet mit der Anzahl an Menschen, die hier gefunden wurden.

Gedenkstupa

Das Erschreckende: Während die Touristen hier herumgehen und das Gelände betrachten, finden noch immer Ausgrabungen statt. Der Regen spült in regelmäßigen Abständen noch immer Knochen und Schädel, aber auch Kleidungsstücke an die Oberfläche und während ich so herumlaufe, steht da plötzlich eine offene Tupperdose mit jüngst gefundenen Zähnen, die gerade eingesammelt werden. Es ist ein skurilles und verstörendes Bild.

Links oben steht die Tupperdose mit Zähnen und Löffel

Wir setzen uns ins gegenüberliegende Café, bewegt von den Eindrücken des Tages. Abends gehen wir in einem der zahlreichen offenen Straßenreaturants essen, die Karte auf vietnamesisch, niemand, der Englisch spricht, keine anderen Touristen. Irgendwann stehen sieben Menschen um uns herum, während wir versuchen die Speisekarte zu begreifen. Wir zeigen auf irgendein Bild und zum Glück versteht irgendjemand, dass wir es „vegetarian“ und „not spicy“ wollen. Es ist super lecker, die Menschen an den Tischen um uns herum prosten uns zu. Ein Mann setzt sich kurz zu uns, möchte ein Gespräch beginnen, aber wir finden keine gemeinsame Sprache. Schließlich beschränken wir uns auf ein breites Grinsen, dann kehrt er mit einem Nicken an seinem Tisch zurück.

Am nächsten Morgen geht es für uns weiter nach Ho Chi Minh City. Vietnam wir kommen! Es ist eine abenteuerliche Busfahrt in einem komplett leeren Reisebus und einem etwas ominös wirkenden Grenzübergang, wo der Busfahrer irgendwem Geld zusteckt und dann niemand irgendwas von uns wissen will, was unseren bisherigen Einreise Erfahrungen nach eher untypisch ist. Außerdem halten wir andauernd kurz an, laden irgendwas aus, fahren dann weiter. Wir kommen auch nicht am Busbahnhof an, sondern an irgendeiner abgelegenen Straße, wo wir ganz plötzlich aussteigen sollen. Wir bekommen dann ein Taxi zum Busbahnhof bezahlt. Während Franzi die wildesten Drogenschmuggelgeschichten spinnt, kommen mir sowohl der kambodschanische Ausreise- als auch der vietnamesische Einreisestempel durchaus seriös vor und wir sind ja schließlich angekommen.

Uns jetzt sind wir in Vietnam. Treffen uns hier mit Jörn. Verbringen hier Weihnachten zusammen. Ich freu mich!

Ein Kommentar

  • Daniela

    Wir wünschen Euch ein wunderschönes und besinnliches Weihnachtsfest und ein glückliches und gesundes 2024!!! Habt weiterhin eine tolle Zeit!

    ❤️liche Grüße

    Daniela und Peter

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