Weihnachtswehmut
„Das ist sehr wichtig.
Kevin McCallister
Würdest du Santa bitte sagen, dass ich dieses Jahr anstatt Geschenken meine Familie wiederhaben will?“
Vietnam. Jörn. Weihnachten. Flüchtige Eindrücke aus Kambodscha. Unbändige Wiedersehensfreude. Abschied von Franzi. Das vorletzte Land auf dieser Reise.
Gerade passiert viel und es passiert schnell und es ist ein bisschen schwer Schritt zu halten. Und unter all das mischt sich sich dieses diffuse, wehmütige Gefühl von Vergänglichkeit und dass diese Reise sich so langsam dem Ende entgegen neigt. Dabei sind es noch fünf Wochen. Und trotzdem ist es irgendwie nicht mehr lang…
Wieder einmal wünsche ich mir eine Pausentaste. Wieder einmal gibt es sie nicht. Wieder einmal versuche ich also irgendwie so, den einzelnen Moment so sehr wie möglich zu genießen und mitzunehmen, Eindrücke zu verpacken und dann an die Seite zu schieben, um noch mehr Raum zu schaffen. Raum für Neues, Buntes, Anderes. Hoffe, dass in meinem Kopf so viel Platz ist. Vietnam:
Kurz vor Weihnachten kommen Franzi und ich in Ho Chi Minh City (früher: Saigon) an. Nach der etwas abenteuerlichen Einreise während der Grenzüberquerung per Bus (siehe letzter Beitrag) stellen wir in Ho Chi Minh fest, dass wir uns ein Hostel direkt an der Partymeile gebucht haben. Zu späterer Stunde haben wir in unserem Zimmer das Gefühl wir stehen mitten im Club. Augen auf bei der Unterkunftssuche!
Wir nehmen das Ganze mit Humor und gehen einfach mit dem Flow – sprich wir verbringen die Nacht gemeinsam mit den vielen Feiernden um uns herum in den Bars und auf der Tanzfläche, saugen das Nachtleben auf, zelebrieren den letzten gemeinsamen Abend zu zweit. Insgesamt erinnert uns hier alles sehr an die Khaosan Road in Bangkok. In einer wirklich süßen Bar, die wir entdecken, spielt eine Band Livemusik, gibt Weihnachtslieder zum Besten, holt Gäste auf die Bühne, und als Franzi sich einen Song von Britney Spears wünscht, muss ich gemeinsam mit der Sängerin zu „Hit me Baby one more time“ ins Mikro trällern. Lovely. Als wir um halb 5 morgens in Bett fallen, ist die Party da draußen noch in vollem Gange, aber uns stören weder die Geräuschkulisse noch der Beat, der im Bett zu spüren ist, und wir schlafen direkt ein.





Der Kater am nächsten Morgen hält mich davon ab früh aufzustehen und ins Museum über den Vietnamkrieg zu gehen, wie ich es eigentlich geplant hatte. Was schade ist, aber die Nacht war es wert. Ich bleibe also so lange wie möglich im Bett, schleppe mich dann irgendwann in ein Frühstückscafé (danach geht es mir besser!) und fahre dann mit einem Motorradtaxi zum Flughafen, um Jörn in Empfang zu nehmen. Endlich!

Nach ganz viel überschwänglicher Wiedersehensfreude, die von den uns umgebenen vietnamesischen Menschen mit Befremden und Faszination beobachtet wird, fahren wir mit dem Taxi zurück in die Stadt, laden Jörns Gepäck in der Unterkunft ab und treffen uns mit Franzi. Den restlichen Tag verbringen wir damit, durch die Gegend zu schlendern, uns die Stadt anzusehen und uns dabei durch die vietnamesische Küche zu schlemmen: Pho, Sommerrollen, vietnamesische Pancakes, Egg Coffee, frische Früchte, und und und. Sightseeing funktioniert schließlich am besten mit vollem Magen.









Am nächsten Morgen nehmen wir den Bus nach Can Tho ins Mekongdelta. Nachdem Franzi und ich dachten, wir hätten an Transportmöglichkeiten bereits alles gesehen, ist der Sleeperbus, den wir besteigen definitiv nochmal etwas neues. In Dreier-Reihen (links, mitte und rechts, der Bus hat also zwei Gänge) reihen sich unzählige, ergonomisch geformte Betten aneinander, wobei sich immer zwei übereinander befinden. Sie sind klein und schmal und eng, aber wir passen gut hinein. Es herrscht striktes Schuhverbot im Bus, daher erhält jeder beim Einsteigen eine Plastiktüte zur Aufbewahrung.



Vier Stunden später kommen wir in Can Tho an. Can Tho ist die größte Stadt in der Region des Mekongdeltas und die viertgrößte Stadt Vietnams. Das Mekongdelta ist ein großes Gebiet im südlichen Vietnam mit jahrhundertealter Reisanbau-Tradition, das durch den Fluss Mekong gespeist wird. In Form eines riesigen Labyrinths aus Flüssen und Sümpfen zieht er sich durch die Region, bildet kleine Inseln und von Reisfeldern umgebene Dörfer, und beherbergt zahlreiche schwimmende Märkte (floating markets). Boote sind hier das Fortbewegungsmittel der Wahl und ich fühle mich durch all das ein wenig an die Backwaters in Südindien erinnert.
Wir verbringen den Abend auf dem Streetfood Nightmarket, schauen noch gemeinsam einen Weihnachtsfilm (es ist schließlich der 23.12.) und gehen dann früh ins Bett, um am nächsten Morgen fit zu sein.





Um 5.45 Uhr startet unser Ausflug ins Mekongdelta mit Linh – ein WhatsApp-Kontakt, an den wir über das Internet gekommen sind. Wir sind zu sechst: Neben Linh und uns dreien ist noch ein Paar aus Dresden mit dabei. Wir starten die Tour auf Rollern und fahren zu einem der Floating Markets. Dort schippern wir mit einem kleinen Boot umher und passieren unzählige „Marktstände“ – vor allem gibt es frisches Obst und Gemüse sowie Kaffee und Tee. Linh erzählt, dass die einzelnen Marktboote bereits seit Generationen von den einzelnen Familien betrieben werden. Allerdings sind diese Märkte heutzutage kaum noch rentabel, weil inzwischen jeder über einen eigenen Roller verfügt und mobil ist, was das Einkaufen an Land deutlich einfacher macht.



Anschließend spazieren wir über einen großen Markt auf dem Festland, probieren uns durch unendlich viele kleine Snacks – Dinge, die ich noch nie in meinem Leben gesehen oder geschmeckt habe – und dürfen sogar selbst eine Kokosnuss raspeln („Du musst da wirklich aufpassen, das reißt Dir sonst den Finger weg!“ Okay.).








Danach machen wir eine Bootstour durch die vielen Kanäle und Wasserstraßen im Mekongdelta, bis hinaus zu einem kleinen abgelegenen Dorf, wo wir aussteigen. „Manche Menschen hier erlauben uns hereinzukommen, dann könnt ihr mal sehen, wie die Leute hier wohnen.“, erklärt Linh ganz unbekümmert und klopft an eine Tür. Eine alte Frau mit einem schiefen, zahnlosen Grinsen bittet uns herein, und wir betreten eine einfache Hütte mit einem Schrank und einem Steinbett, das gleichzeitig auch als Tisch und Sitzgelegenheit dient. Eine Kochzeile gibt es draußen auf der Terasse, ebenso die Dusche. Die Toilette ist ein Plumpsklo direkt über dem Fluss, das von einem kleinen Verschlag als Sichtschutz umgeben ist.








Die Frau spricht kein Englisch, aber Linh übersetzt. Sie ist verwitwet. Ihren Mann hat sie in ihrem Garten beerdigt. Tatsächlich befindet sich dort ein großes Grab aus Stein. Linh erzählt, dass es in ihrer Kultur üblich ist, verstorbene Angehörige im eigenen Garten zu begraben, weil eine Beisetzung auf dem Friedhof viel zu teuer sei. Besonders arme Menschen könnten sich nicht einmal die aufwendig gestalteten Gräber im eigenen Garten leisten und müssten die Verstorbenen daher verbrennen, um zumindest die Asche im Garten vergraben zu können. Jeder versuche jedoch mit allen Mitteln dies zu vermeiden, da es wichtig sei, dass die Körper intakt bleiben, damit die Seele in ein anderes Leben wiedergeboren werden kann. In der Stadt, wo die Menschen eng zusammen wohnen, werde das Beerdigen von Verwandten auf dem eigenen Grundstück von den Nachbarn allerdings nicht gerne gesehen, da es wiederum Unglück bringe eine fremde Leiche in der Nähe des eigenen Hauses zu haben.


Die Frau berichtet außerdem von ihren Kindern, die alle schon ausgezogen sind. Damals, als sie in der Hütte so viele Leute waren, mussten die Kinder alle auf dem harten Boden schlafen. Auch gegegessen wurde auf dem Boden – alle zusammen in einem großen Kreis im Schneidersitz.

Wir fahren mit unserem Boot weiter, Linh gibt uns sämtliche heimische Früchte zum Probieren, zum Abschluss dann nochmal eine Rollertour durch ein Dorf im Mekongdelta. Dabei fahren wir an mehreren Hochzeitszeremonien vorbei, wundern uns über die seltsame Tageszeit. Linh erklärt, dass die Väter des Brautpaares gemeinsam mit dem Priester das Jahr, Datum und Uhrzeit der Hochzeit bestimmen, je nach Tierkreiszeichen der Geburtsjahren, des aktuellen Jahres etc. Daher kann es gut passieren, dass eine Hochzeitsfeier morgens um 8.00 Uhr beginnt und nach drei Stunden wieder vorbei ist. Verrückt! Außerdem sind in der Regel mindestens 150-200 Gäste eingeladen. Das zeugt von Reichtum und einem guten Job, mit dem man sich das Ausrichten eines solchen Festes leisten kann. Gleiches gilt übrigens für die Hautfarbe – wer eine helle Haut hat, hat einen guten Job und viel Geld. Status und Ansehen ist hier alles. Linhs Haut ist verhältnismäßig dunkel, da sie aufgrund ihrer Arbeit viel draußen ist…









Wir setzen uns zu einem abschließenden Mittagessen in einem kleinen Lokal in Can Tho zusammen, dann ist die Tour zu Ende. Den Nachmittag verbringen Jörn und ich in einem gemütlichen Café während Franzi Schlaf nachholt, dann treffen wir uns zu einer Massage wieder. Eine Weihnachtsmassage sozusagen – es ist schließlich der 24. Dezember.
Den Abend verbringen wir dann in einem für unsere Reiseverhältnisse ziemlich schicken Restaurant direkt am Mekong und gönnen uns ein Weihnachtsdinner – mit Stoffservietten, Cocktails und es gibt sogar die klassische Weihnachtsente (allerdings mit Kartoffelgratin statt Rotkohl und Knödeln, aber es kommt nah dran). Direkt neben uns steht ein bunt geschmückter Weihnachtsbaum und trotz luftigem Sommerkleid fühlt es sich fast ein bisschen weihnachtlich an. Aber eben nur fast. Was fehlt, sind die Menschen. Meine Familie. Und obwohl ich mit Jörn und Franzi zusammen bin, habe ich an diesem Abend ein bisschen Heimweh…




Auf dem Rückweg werden wir direkt vor der Unterkunft aufgehalten. „Heeeeey! Merry Christmas! Come here!“ schallt es von der gegenüberliegenden Straßenseite herüber. Gerade laut genug um die Weihnachtsmusik zu übertönen, die in voller Lautstärke aus den Boxen dröhnt. Ein paar Vietnames:innen haben winzig kleine Plastikstühle und -tische zusammengerückt, es steht unfassbar viel Streetfood und frisches Obst auf dem Tisch, zwei Mikros werden zum Karaokesingen herumgereicht. André und Lea aus Dresden von unserer Tour heute sind auch da und wir stellen lachend fest, dass wir in derselben Unterkunft wohnen. „Wir wollten einfach nur nach Hause“, stöhnt Lea halb lachend halb verzweifelt, während jemand ihre halbleere Bierdose wegnimmt und ihr eine neue hinstellt. Da keiner der Locals Englisch sprechen kann, verständigen wir uns irgendwie mit Händen und Füßen oder per Google Übersetzer. Ein Hoch auf unsere mobilen Daten! Es wird ein sehr witziger Abend. Während es uns einigermaßen gut gelingt, das Streetfood aufgrund unserer bereits vollgeschlagenen Bäuche immer wieder abzulehnen, kommen wir weder drum herum das ganze Obst zu probieren, noch uns am Karaoke Singen zu beteiligen. Und als ihnen die Weihnachtslieder ausgehen, werden Songs wie „My heart will go on“ von Celine Dion aufgedreht. Irgendjemand bringt ständig neues Bier und als wir uns schließlich verabschieden, versuchen alle sehr hartnäckig uns zum Bleiben zu überreden, geben es aber schließlich auf und fahren dann stockbesoffen mit ihren Rollern nach Hause. Fröhliche Weihnachten.




Bereits am nächsten Tag machen wir uns wieder auf den Weg – aufgrund Jörns sehr begrenzter Zeit hier in Vietnam mit dem Flugzeug – und fliegen nach Zentralvietnam. Die Weihnachtsfeiertage und die Tage zwischen den Jahren verbringen wir in Hoi An. Leider zur Regenzeit wie wir feststellen – von der direkten Strandlage unserer Unterkunft haben wir also genauso wenig wie von ihrem Pool. Trotzdem haben wir die ersten zwei Tage noch großes Glück mit dem Wetter und es bleibt trocken. Hoi An ist vor allem für seine wunderschöne Altstadt bekannt. Zahlreiche bunte, handgefertigte Seidenlampions zieren die schmalen Gassen, Boote fahren über die Kanäle und erinnern ein wenig an Venedig und der gesamte Flair der Stadt ist sehr gemütlich. Überall gibt es kleine Märkte, Cafés, Streetfood Stände und Läden, die handgefertigte Waren verkaufen. Allen voran unzählige Schneidereien, die maßgefertigte Kleidung zu super günstigen Preisen anbieten. Jörn lässt sich hier einen Anzug mit Hemd anfertigen, Franzi eine Hose und eine Weste, ich einen Blazer und einen Hosenanzug.











Außerdem mieten wir uns zwei Roller und machen einen Ausflug zum Coconut Forest, einem etwa sieben Hektar großen Wasserkokosnusswald, durch den man eine Bootstour in einem kreisrunden Korbboot machen kann. Was irgendwie ganz romantisch und idyllisch klang, entpuppt sich als ein unfassbares Touri-Spektakel mit viel Party, Show und Tada auf dem Wasser, dem man mehr oder weniger freiwillig beiwohnen kann. Und die ganze Zeit soll man sich in irgendwelche spektakulären Posen begeben, um dann DAS Foto zu kriegen (das etwa 100.000 andere Touris gerade vor einem auch bekommen haben). Es ist wirklich schrecklich und irgendwann entscheiden wir einfach nur darüber zu lachen. Franzi und ich sind uns einig, dass dies das touristischste ist, was wir in den bisherigen drei Monaten gemacht haben…






Mit den Weihnachtsfeiertagen endet dann auch das gute Wetter. Es regnet. Es regnet richtig. Den ganzen Tag. Ohne Pause. Am liebsten würde man sein kuscheliges Bett einfach gar nicht verlassen, aber wir müssen noch insgesamt viermal in die Stadt zur Schneiderin, um etwas anzupassen und so düsen wir immer wieder mit dem Roller durch die Nässe. Die nassen Sachen trocknen in dem kalten Zimmer dann auch nicht gut. Zu sagen es ist ungemütlich, wäre eine maßlose Untertreibung. Highlight ist unsere einstündige Rollerfahrt zu einer außerhalb liegenden Tempelanlage, als wir alle drei beschließen uns von dem Wetter nicht die Laune verderben zu lassen. Spoiler: Es war unser letzter Ausflug.


Das wunderschöne Endergebnis unserer maßgeschneiderten Kleidung entschädigt dann aber sehr für alles Andere und schlussendlich sind wir froh trotz der Regenzeit hergekommen zu sein. Wir verbringen einen letzten gemeinsame Abend mit Franzi, essen nochmal Cao Lau (eine Nudelspezialität, die es nur in Vietnam gibt), trinken einen Abschiedsdrink. Dann trennen sich unsere Wege. Es war die ganze Zeit geplant, dass ich mich nach Weihnachten von Franzi verabschiede und trotzdem ist es komisch. Es war so eine lange und intensive gemeinsame Zeit. Ob wir uns auf dieser Reise nochmal wieder sehen, wissen wir noch nicht. Ich bin noch bis Ende Januar unterwegs, Franzi bis Mitte Februar, mal schauen, ob unsere Wege sich nochmal kreuzen…


Jörn und ich machen uns nun auf den Weg in den Norden. Dort ist es jetzt Winter, also etwas kühler, aber immerhin trocken. Es ist so schön wieder gemeinsam mit Jörn unterwegs zu sein! Den Jahreswechsel möchten wir in der Halong Bucht verbringen. Es fühlt sich seltsam an, dass Weihnachten jetzt vorbei sein soll, obwohl es doch eigentlich noch gar nicht richtig stattgefunden hat. Als wäre es einfach ausgefallen. So viele Menschen fragen mich, wie es ist Weihnachten in der Ferne zu verbringen. Im Sommer. Weit weg von Zuhause. Und die Antwort darauf ist: Es ist einfach nicht Weihnachten. Ich weiß, dass ich mir das so ausgesucht habe, und es war auch in Ordnung es mal auszuprobieren. Aber ich möchte Weihnachten nicht nochmal fern von Zuhause verbringen. Weder den Heiligabend noch die Feiertage bei der Verwandtschaft. Dazu bin ich einfach zu sehr Weihnachts- und Familienmensch und ich möchte von diesen Feiertagen im Familienkreis so viele mitnehmen wie ich nur kann.
Ich hoffe ihr hatte alle schöne Weihnachtstage mit Euren Liebsten. Kommt gut ins neue Jahr!
Wir hören uns…



Ein Kommentar
Wolfgang Berg
Ich entschuldige mich aufrichtig für diesen Kommentar! Aber ich teste einige Software zum Ruhm unseres Landes und ihr positives Ergebnis wird dazu beitragen, die Beziehungen Deutschlands im globalen Internet zu stärken. Ich möchte mich noch einmal aufrichtig entschuldigen und liebe Grüße 🙂