Überflutet


„I live in India and it overwhelms me everyday.“

Asif aus Jaipur

Ich fange jetzt bestimmt das zehnte Mal diesen Beitrag an. Und schaffe es einfach nicht meine Gedanken zu sortieren und zu ordnen. Nordindien. Das goldene Dreieck. Delhi – Jaipur – Agra. Okay. Wie fasse ich das in Worte? Wo fange ich an? Wie soll ich dieser Fülle an Eindrücken auch nur annähernd gerecht werden? Wie soll ich begreiflich machen, was ich selbst doch kaum begreifen kann?
Jenni würde jetzt fragen, ob ich schon mal versucht habe eine Mind Map machen. Aber ich habe gerade weder einen Stift noch einen Zettel zur Hand und am Handy ist es irgendwie nicht das Gleiche. Also muss es so gehen.
Vielleicht beginne ich einfach da, wo ich aufgehört habe: In Nepal.

Im Chitwan Nationalpark sind wir irrwitzig nah dran an der indischen Grenze. Es wäre ein Leichtes einen der öffentlichen Busse nach Indien zu nehmen, die täglich die Grenze überqueren, zumal wir zunächst sowie in den Norden des Landes wollen. Aber die indischen Behörden untersagen Touristen auf dem Landweg einzureisen. Auch auf unserem Visum (Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, was für ein Umstand und Zeitaufwand es war, das zu beantragen? Und wie sehr ich gebangt habe, ob es überhaupt bewilligt wird?) steht nochmal explizit drauf, dass wir nur über den Luftweg einreisen dürfen. Also müssen wir zurück nach Kathmandu und einen völlig unnötigen 75-minütigen Flug nach Delhi nehmen.

Ich liebe es ja beim Landeanflug einen ersten Blick von oben auf einen komplett neuen Ort zu erhaschen. In Kathmandu war das besonders beeindruckend vor der gigantischen Kulisse des Himalaya und den Bergspitzen, die bereits über die Wolken hinausragten. Von Delhi sehen wir … nichts. Nichts. Und das liegt nicht am Wetter. Über der gesamten Stadt hängt einfach diese rötlich-braune Staub-Smog-Wolke, die es unmöglich macht irgendetwas von dem, was darunter liegt, auszumachen. Und in diesen Smog tauchen wir dann einfach ein…

Überall Smog in der Luft – als wäre es die ganze Zeit bewölkt

Wir reisen mit einer gehörigen Portion Respekt nach Indien. Vor allem in den Norden. Und ganz besonders nach Delhi. In Nepal sind wir auf viele Reisende gestoßen, die aus Indien kamen und eher negativ über ihre Erfahrungen dort sprachen. Einer sagte sogar mal: „India. I Never Do It Again.“
Während der Süden wohl eher Sri Lanka ähnelt, weniger strikt und von viel Grün und noch mehr Herzlichkeit geprägt ist, seien die Leute in Nordindien eher schwierig. Kühl. Respektlos. Aufdringlich. Gerade die Menschen in Delhi sollen wahnsinnig übergriffig sein. Jeder würde Dich anfassen, an Dir ziehen und zerren, um Dich dazu zu bewegen etwas zu kaufen oder ins Taxi oder Tuktuk oder die Rikscha zu steigen. Es sei schwer sich abzugrenzen, diese Menschen wieder abzuschütteln. Schon die Unterkunft in Delhi, die wir gebucht haben, schickt uns vorab eine Nachricht und warnt vor Taxi Betrügern am Flughafen. Fahrer, die behaupten, die Unterkunft sei woanders und wir hätten die falsche Adresse, oder sie sei umgezogen oder überbucht und es gebe eine Alternative. Wir sollen uns nichts erzählen lassen, sie würden unsere Ankunft erwarten!
In meiner Vorstellung verlassen wir das Flughafengebäude und tauchen ein in eine riesige Menschenmenge, in der alle durcheinander rufen und von mehreren Seiten an unseren Armen gezerrt wird.

Unser Erfahrung in Delhi ist eine andere. Am Flughafen läuft alles sehr geordnet ab. Der Uber-Abholpunkt ist wahnsinnig gut ausgeschildert, Mitarbeiter (ja, nur männlich) helfen dabei, das richtige Auto zu finden. Andere Taxifahrer (ebenfalls rein männlich), die uns auf dem Weg ansprechen, wenden sich nach einem freundlichen „No, thank you“ wieder ab. Unsere Unterkunft befindet sich in South Delhi, die Straßen dorthin sind gut ausgebaut, der Verkehr deutlich geordneter als in Nepal. In der Unterkunft versichert uns der Besitzer, dass wir in einem sehr sicheren Viertel seien, uns als Frauen bedenkenlos überall frei bewegen können, im Dunkeln nur bitte den Park nebenan meiden sollten. Seine Frau schiebt noch hinterher, dass sie sich als Frau im Dunkeln überhaupt nicht mehr draußen aufhalten würde, aber das hatten wir auch nicht vor. Abendessen gibt es also künftig vor 18 Uhr.

Unser Gastgeber erzählt auch noch, dass er mehrere Stundenhotels in Delhi betreibt – überwiegend für Paare, deren Familien, Kasten oder Religionen es ihnen nicht erlauben zusammen zu sein. Die einzige Bedingung sei die Volljährigkeit – in Indien ab 20. Eine kurze Info, so ganz nebenbei, die ich erstmal aufnehme und die viel später nochmal wieder hochkommen wird – erst dann bereit von allen Seiten betrachtet und verdaut zu werden, wie so viele Eindrücke hier.

Wir fallen erstmal aufs Bett und sind irgendwie erschlagen. Wir sind in Indien. Wir waren in Nepal. Für mich ist der erste Monat schon vorbei. Wir sind in INDIEN.
Ich muss einen Umgang mit meinen Sicherheitsbedenken hier finden. Ich habe mich entschieden dieses Land zu bereisen, weil der Reiz weit größer war als die Sorge und jetzt bin ich hier. Wir müssen auch einen Umgang mit unserem Reisealltag finden. Denn wir merken beide, dass wir das Tempo, in dem wir aktuell unterwegs sind und Dinge unternehmen, nicht mehr viel länger so aufrecht erhalten können. Und deswegen verbringen wir den restlichen Tag in unserem Zimmer und machen NICHTS. Wir hängen ab, schauen Netflix, ich versuche mit meinen Eltern zu telefonieren – würde auch gerne mit Jörn, meiner Schwester, meinen engsten Freundinnen sprechen. Irgendwie habe ich ein bisschen Heimweh. Aber das WLAN ist schlecht und es ist nicht möglich eine funktionierende Verbindung aufzubauen. Das zieht mich etwas runter.
Gegen halb 5 verlassen wir unsere Höhle für etwa 1,5 Stunden und suchen uns etwas zum Abendessen. In einem nordindischen Lokal schlagen wir uns den Bauch voll, machen uns danach wieder „Zuhause“ einen gemütlichen Abend.

Außer uns noch niemand da um die frühe Uhrzeit

Tatsächlich schauen wir uns in den zwei Tagen in Delhi nicht eine einzige Sehenswürdigkeit an. Nicht das India Gate, nicht das Red Fort, nicht die Jama Masjid – eine der größten Moscheen Indiens. Uns ist beiden nicht nach Sight Seeing, wir möchten viel lieber ankommen, das Land und die Menschen auf uns wirken lassen. Einfach herumlaufen – ein Konzept, dass indische Menschen absolut nicht nachvollziehen können, wie wir in den nächsten Tagen noch häufig feststellen werden.

Am nächsten Morgen fahren wir erstmal rüber nach New Delhi. Und uns wird klar, in was für einer Blase wir ins South Delhi wohnen. DAS hier ist also das Indien, von dem alle reden.
Und Indien überflutet mich. In dem Moment, in dem wir die Straßen in New Delhi betreten, bricht dieses Land wie eine Welle über mir und überschwemmt mich mit einer Million Sinneseindrücken. Hitze. Smog. Hupen und Straßenlärm und Stimmen von allen Seiten. Ein wahnsinniges Verkehrsaufkommen aus Autos, Tuktuks, Rikschas, LKWs, Mopeds mit ganzen Familien darauf (natürlich alle ohne Helm), Fahrrädern, Taxen. Dazwischen immer wieder Kühe und Straßenhunde. Große moderne Gebäude und abbruchreife Hütten, Tempel, Restaurants, Verkaufsbuden. Die verschiedensten und herrlichsten Gerüche ganz unterschiedlicher Gewürze immer wieder vermischt mit dem stechenden scharfen Geruch nach Fäkalien. Fliegen. Berge von Müll. Armut. Dazwischen das ultramoderne Metrosystem. Und überall Menschen. So. Viele. Menschen. Auf den Straßen, am Straßenrand, um die Street Food Stände, in den wahnsinnig schmalen Gassen, in den Fenstern, auf den Dächern. Familien zu zig Personen auf ein Fahrzeug gequetscht, Verkäufer, bettelnde Kinder, schlafende Obdachlose, Männer in teuren Anzügen, Frauen in traditioneller Kleidung.

New Delhi
Street Food
Safety first! Oder so ähnlich…

Aber es ist nichts zu spüren von Aufdringlichkeit oder Übergriffigkeit. Wir werden viel angestarrt, ja. Wir werden viel angesprochen, ja. Aber uns begegnen ausnahmslos freundliche, hilfsbereite und vor allem neugierige und interessierte Menschen. Viele möchten sich einfach unterhalten, ein Foto machen, uns weiterhelfen. Alle fragen, wo wir hin möchten, erklären wie wir dahin laufen und welche Straßen besser meiden sollen. An welcher Stelle wir Bahntickets kriegen und welche Schalter nur für die Einheimischen sind. Wo wir keinen Chai Tee kaufen sollten, weil es woanders viel besseren und günstigeren gibt. Auf welchem Markt wir lieber nichts kaufen sollen, weil die Preise dort völlig überteuert sind. Nicht eine einzige Person berührt uns. Nicht eine einzige Person erwartet irgendeine Gegenleistung für einen freundlichen Ratschlag. Das haben wir in Nepal ehrlich gesagt anders erlebt. Und auch Menschen, die etwas verkaufen oder uns mit dem Tuktuk mitnehmen wollen, wenden sich nach einem einzigen „Nein, danke“ wieder ab. Wir sind sehr positiv überrascht.

Unser erster Chai in Indien

Wir machen eine Walking Tour durch die Gegend rund um die New Delhi Railway Station mit der Non-profit Organisation Salaam Baalak Trust, die sich um Straßenkinder in Delhi kümmert. Anstatt viel von der Stadt zu zeigen, geben die Führungen Einblick in das Leben der Straßenkinder. Wir erfahren, dass ein Straßenkind in Delhi etwa 200 Rupien am Tag verdient, die sofort ausgegeben werden müssen, da nächtliche Überfälle zur Tagesordnung gehören. Dabei geben sie das Geld nicht etwas für Essen aus, was sie sich auf andere Weise beschaffen, sondern vor allem Kleidung, die neusten Bollywoodfilme im Kino, aber auch Drogen stehen hoch im Kurs. Neben dem Betteln kommen sie vor allem durch das Stehlen an Geld, vor allem rund um den Bahnhof. Mädchen werden außerdem schnell Opfer von Prostitution.

Klein angefangen hat die Organisation inzwischen über zwölf Contact Points (Anlaufstellen und Tagesbetreuung) und zehn Shelter Homes (Wohnheime) für Kinder von sechs bis 14 Jahren – aktuell werden rund 11.000 Straßenkinder durch die Organisation betreut. Nur etwa 600 davon konnten aber bisher davon überzeugt werden, in ein Shelter Home zu ziehen, da der strukturierte Tagesablauf und die dort geltenden Regeln für viele erst einmal Freiheitsentzug bedeuten. Viele werden außerdem zunächst in Entzugskliniken begleitet, da in den Einrichtungen nicht konsumiert werden darf. Die meisten sind sporadisch angebunden, kommen alle paar Tage zu den Contact points, oder auch gar nicht und werden in regelmäßigen Abständen von den ehrenamtlich Mitarbeitenden der Organisation draußen auf der Straße und rund um den Bahnhof aufgesucht.

Die Führungen werden von ehemaligen Straßenkindern, die durch die Salaam Baalak Trust aufgenommen worden sind, durchgeführt. Unsere Guides sind die siebzehnjährige Kajal und der einundzwanzigjährige Jafar, die neben vielen interessanten Informationen auch Einblicke in ihre eigene Geschichte geben, was das Ganze sehr persönlich und berührend werden lässt. Außer uns nehmen noch Laura und Wolfgang aus Bayern an der Führung teil – sie reisen seit Mai auf unbestimmte Zeit durch die Welt („Vielleicht ein Jahr. Oder zwei. Oder drei.“) und werden die einzigen beiden weißen Menschen bleiben, die uns in Delhi begegnen.

Führung durch New Delhi

Als wir einen der Contact points besuchen, in dem die Kinder sich täglich sechs Stunden aufhalten dürfen, bin ich zunächst unsicher. Das kommt mir sehr wie im Zoo vor – die Kinder verbringen dort in einem geschützten Rahmen ihren Tag und dann kommen die Touris vorbei und gaffen. Aber meine Sorge erweist sich schnell als unbegründet. Die Kinder freuen sich sehr als wir kommen. Sie möchten ihr Englisch üben, Spiele mit uns spielen, fotografiert werden, ein Mädchen fragt mich schüchtern, ob sie mir ein Henna Tattoo auf die Hand malen darf. Jafar erklärt, dass Weiße hier einfach etwas besonderes sind. Deshalb wollen auch so viele Menschen auf der Straße Selfies mit uns machen. „Die zeigen sie dann Zuhause all ihren Nachbarn. Das ist, als würdest du einen Star aus Hollywood treffen und ein Foto machen. Das würdest du doch auch deiner Familie und deinen Freunden zeigen.“ Kajal nennt mich irgendwann lachend Princess, weil ich wohl auf exakt demselben Stuhl sitze, wie damals Kate, als sie sich mit Prinz William die Arbeit der Organisation angeschaut hat. Auch ein Foto mit Michelle Obama hängt an der Wand.

Nach der Führung fahren wir mit der ultramodernen Metro, die so gar nicht zu den vielen heruntergekommenen und abbruchreifen Gebäuden passt, ins Hauz Khas Viertel, essen dort Dosas (herzhaft gefüllte Pfannkuchen) in einem südindischen Lokal, spazieren weiter umher. Zwischendurch gibt es immer wieder Chai Tee. Wir beobachten einfach. Dort fährt eine fünfköpfige Familie auf einem einzigen Roller, da vorne steht eine Kuh mitten auf der Straße und bremst den Verkehr aus, da hinten brennt ein gigantischer Berg an Müll. Um die nächste Ecke dann plötzlich eine riesige Wiese mit Palmen, über allem dieser wahnsinnige Smog, im Hintergrund das zu einem einzigen Rauschen verschwimmende permanente Hupkonzert. Es duftet nach fremdartigen Gewürzen und einen Meter weiter riecht es nach Urin.
Zwischen 17 und 18 Uhr sind wir wieder in der Unterkunft, verbringen einen weiteren Abend ganz gemütlich in unserem Zimmer, erfüllt von den Eindrücken des Tages.

Metro in Delhi
Nichts leichter als das
Hauz Khas
Leckere Dosas
Plötzlich Palmen!

Am nächsten Morgen nehmen wir ein Uber zum Bahnhof in Old Delhi. Ein Uber an einen bestimmten Ort zu bestellen ist in Indien fast genauso kompliziert wie online einen Zug zu buchen. Und am herausforderndsten ist es dann, am Bahnhof das richtige Gleis zu finden, in den richtigen Zug zu steigen und dabei noch das richtige Abteil zu erwischen – man kann nämlich NICHT komplett durch den Zug durchlaufen. Am Bahnhof in Old Delhi fühlen wir uns das erste Mal ein wenig bedrängt. Wahnsinnig viele Menschen betteln uns um Geld an, knien vor uns, berühren unsere Füße – und lassen sie nicht wieder los. Ein Mann bemerkt wie unwohl wir uns fühlen und kommt uns zur Hilfe. Er weist all die Menschen um uns zurück und bleibt dann die kompletten 1,5 Stunden, die der Zug Verspätung hat, neben uns stehen („I am your Bodyguard.“). Er freut sich darüber sich mit uns zu unterhalten, Englisch zu üben und NATÜRLICH schicken wir seiner Frau ein Selfie.

Am Bahnhof

Die Zugfahrt ist ein Erlebnis. Im Gegensatz zu der modernen Metro wirken die Züge und auch der Bahnhof ein bisschen aus der Zeit gefallen. Da keine Sitzplätze mehr verfügbar waren, haben wir zwei Betten im Schlafwaggon gebucht und …. ja. Liegen da. Sich aufrecht hinzusetzen ist aufrund der Höhe nicht möglich. Es ist dunkel und nach einer kurzen Unterhaltung schließen wir einfach beide ein wenig die Augen. Irgendwann gibt es Mittagessen, was ich erstaunlich gut vertrage, aber ich esse auch nur wenig von der wahnsinnig scharfen Soße zu meinem Reis. Immer wieder laufen Menschen durch den Zug, die Wasser, Snacks und Chai verkaufen. Manche bestellen sich sogar online etwas zu essen und bekommen es an der festgelegten Station exakt an ihrem Platz zum Fenster hereingereicht.

Im Schlafwaggon
Mittagessen im Zug

Um halb 7 kommen wir in Jaipur an. Es ist bereits dunkel. Und noch am Gleis werden wir quasi beim Aussteigen bereits von unzähligen Taxifahrern belagert. Alle reden auf uns ein, es ist hektisch und laut und chaotisch und wahnsinnig überfordernd. Die Fahrer lassen sich nicht abweisen, folgen uns, egal wohin wir gehen, einer ist besonders aufdringlich. Es ist nicht möglich irgendwo kurz stehen zu bleiben und ein Uber zu rufen. Wir sind das erste Mal in einer wirklich, wirklich unangenehmen Situation. Irgendwann rufe ich unseren Gastgeber Asif aus unserem Homestay hier in Jaipur an. Frage, ob es sicher ist, hier am Bahnhof ein Taxi zu nehmen. Er will mit dem Fahrer sprechen, der so aufdringlich ist, hören was er sagt, und ob er uns einen vernünftigen Preis anbietet. Als dieser mir das Telefon zurückgibt, sagt Asif nur „Don’t trust him. I will come and pick you up.“ Er gibt mir durch, wo genau wir warten sollen und ist nach wenigen Minuten da. Der Taxifahrer ist uns, bis wir in Asifs Auto steigen, die ganze Zeit nicht von der Seite gewichen. Ich könnte weinen so erleichtert bin ich. Und nehme mir ganz fest vor in Erinnerung zu behalten, dass wir in jeder Situation, die mit einer unangenehmen Person verknüpft ist, immer auch jemanden getroffen haben, der wahnsinnig freundlich und herzlich war und alles hat stehen und liegen lassen, um uns zu helfen.

Auf der Fahrt fragt Asif uns wie uns Indien bisher gefällt. „It’s a bit overwhelming.“ versuche ich mich zum Einen an einer diplomatischen Antwort und zum Anderen an einer Möglichkeit all die Erfahrungen der ersten Tage in einem einzigen Satz unterzubringen. Asif lacht auf. „Don’t say a bit. I live in India and it overwhelms me everyday. Can’t even imagine what it must be like for you.“ Und das lasse ich jetzt einfach mal so stehen.

Wir essen zu Abend auf Asifs wunderschöner Dachterrasse und gehen früh ins Bett, völlig erschöpft von einem weiteren Tag an Eindrücken, Eindrücken, Eindrücken. Indien schafft uns. Nicht körperlich, sondern mental. Alles ist wie eine einzige Gratwanderung zwischen aufregend und beängstigend, interessant und überfordernd, andersartig und zu viel.

Asifs Dachterrasse am nächste Morgen

Nach einem ausgiebigen Frühstück am nächsten Morgen fahren wir mit dem Tuktuk ins Stadtzentrum der Pinken Stadt und … laufen umher. Ein Dialog, den wir heute – und wohl auch künftig – noch oft so führen werden:

Tuktuk rollt hupend heran.
„Braucht ihr ein Taxi?“
„Nein, danke.“
„Wo wollt ihr denn hin?“
„Nirgendwo hin. Wir laufen einfach.“
„Okay. Und wo lauft ihr hin?“
„Wir laufen einfach herum.“
„Warum?“
„Wir mögen es zu laufen.“
„Durch die Hitze?“
„Ja.“
„Aber wollt ihr Euch nicht die Stadt anschauen?“
„Wir schauen uns doch die Stadt an.“
„Beim Laufen?“
„Beim Laufen.“
„Ich mach Euch einen guten Preis!“
„Nein, danke.“
„Ihr wollt laufen.“
„Wir wollen laufen.“

Tuktuk fährt davon.

Wir kommen am Palast der Winde, dem Hawa Mahal vorbei. Die einzige Sehenswürdigkeit, die wir uns in Jaipur anschauen werden. Das dunkelrosa farbene Gebäude zieren filigrane Verzierungen, unzählige Balkone und sage und schreibe 953 Fenster, durch die stets ein Luftzug ins Innere des Palastes weht – daher auch der Name. Anstatt hineinzugehen setzen wir uns lieber in ein Café gegenüber und bestaunen den Anblick.

Jaipur – die pinke Stadt

Palast der Winde

Wir lernen Zayan kennen, der uns auf zwei Chai Tees einlädt und sich im Gegenzug eine Unterhaltung auf Englisch wünscht. Zayan probiert sich als Modedesigner, Fotograf und Model und ist geschäftlich viel und am liebsten in Thailand. Er erzählt, dass er irgendwann eine Frau in Thailand heiraten möchte und damit hoffentlich die zweite Staatsbürgerschaft bekommt. Er ist überrascht, dass Franzi und ich beide verheiratet sind (ja, auch Franzi trägt hier einen Ring 😉 ) und alleine eine solche Reise machen. Indische Männer würden ihre Frauen nicht so lange weg lassen. Wir sind schnell drin in der Diskussion um Beziehungen und Ehen und die Rolle der Frau, die Unterschiede zwischen unserer und seiner Kultur, arrangierten Ehen und wie sehr sich das in Indien zwischen großen Städten und kleineren Dörfern unterscheidet. Ein spannendes Gespräch.

Als wir weiterziehen, kaufen Franzi und ich uns zwei überteuerte Saris (wie wir später feststellen) und Franzi ein paar Schuhe. Eine Frau, die vor dem Laden her läuft, lacht, als sie sieht wie der Verkäufer mir den Sari bindet und legt dann energisch selbst Hand an. „So wird das gemacht“ erklärt sie zufrieden. „Und jetzt wo du so hübsch aussiehst, machen wir auch ein hübsches Foto“. Und mit diesen Worten zieht sie mich vor den Palast der Winde, positioniert mich dort und schießt ein paar Bilder. Danach ist Franzi dran und wir lernen, dass man den Sari unterschiedlich trägt, je nachdem ob man verheiratet ist oder nicht.

Franzi kauft neue Schuhe

Später am Nachmittag wagen wir uns auf eine Empfehlung von Asif hin das erste Mal an Street Food heran, probieren Chole Bhature (knusprig frittiertes Fladenbrot mit Kichererbsencurry) und Chole Tikki (gewürzte Kartoffelküchlein mit scharfem Kichererbsencurry und Yoghurt) und erleben eine wahre Geschmacksexplosion. So SCHMECKT also Indien.

Street Food

Das Tageshighlight erwartet uns am Abend: Wir gehen ins Kino. Im Raj Mandir Cinema erleben wir Bollywood pur – und das obwohl an diesem Abend ein Actionfilm läuft! Das hält die indische Filmindustrie aber nicht von zahlreichen musikalischen Szenen mit Tanz und Gesang ab. Und das Publikum LEBT den Film. Es wird aufgestöhnt, gejubelt, gejohlt und geklatscht! Der Film läuft auf Hindi und ohne Untertitel, weswegen wir versucht haben uns im Vorfeld so gut wie möglich mit der Handlung vertraut zu machen. Nach etwa 1,5 Stunden verlieren wir dennoch beide den roten Faden der Geschichte und lassen die restliche Stunde auf uns einprasseln. Es ist alles einen Tacken too much – Indien eben.

Raj Mandir Cinema in Jaipur
Das prunkvolle Foyer
Zahlreiche Loungebereiche
Der Kinosaal erinnert eher an ein Theater

Am nächsten Morgen nehmen wir früh den Zug nach Agra – und kommen schon deutlich besser damit zurecht alles zu finden ohne dass großartig Stress aufkommt. Es ist eine gemütliche, vierstündige Fahrt im klimatisierten Sitzplatzbereich. Das Bild vor dem Fenster ändert sich während der Fahrt kaum: Karge Landschaften mit einzelnen Bäumen, immer mal wieder ein Dorf mit Menschen, die auf dem Feld arbeiten oder unter den Bäumen im Schatten liegen, über allem der ewige Smog in der Luft.

Diesmal ein Abteil mit Sitzplätzen
Dauernd kommt jemand vorbei und verkauft Chai
Der immer gleiche Blick nach draußen

Gegen Mittag erreichen wir Agra, finden einen deutlich bestimmteren Umgang mit den Taxifahrern (wir sind besser vorbereitet und haben uns vorab bei der Unterkunft informiert, was ein Tuktuk vom Bahnhof kosten sollte), lassen nicht mit uns verhandeln. Dass es noch hell ist hilft unserem Sicherheitsgefühl enorm. Schnell gibt der erste Taxifahrer nach und fährt uns zu etwa einem Fünftel des von ihm geforderten Preises zu unserem Homestay.

Der Hunger treibt uns schnell wieder nach draußen und wir laufen los, um ein spätes Mittagessen/frühes Abendessen zu finden. Aufgrund des Taj Mahals ist Agra Touristenhochburg und wir merken den Unterschied sofort. HIER treffen wir all die grenzüberschreitenden Menschen, die wir in Delhi erwartet haben. Kinder fassen uns völlig ungeniert an, Tuktuk Fahrer schneiden uns den Weg ab, wenn sie darauf beharren, dass wir einsteigen sollen, unzählige Verkäufer und Guides belagern uns, jeder möchte ins Geschäft kommen. Es ist unmöglich die Straße zu betreten ohne die Menschen anzuziehen wie die Fliegen. Und anders als in Delhi und Jaipur begegnet uns dabei wenig Freundlichkeit. Ganz im Gegenteil. Die Menschen (ich meine damit eigentlich immer vor allem Männer) werden ungehalten, wenn wir nicht auf ihre „Angebote“ einsteigen, erheben die Stimme, fuchteln vor unseren Gesichtern herum. Wenn wir doch mal ein Taxi/Tuktuk brauchen, fangen mehrere Männer lautstark an zu streiten, wer uns denn nun mitnehmen darf, und dann reden alle gleichzeitig energisch auf uns ein und winken uns in Richtung ihres Fahrzeugs. Meist gehen wir dann einfach weiter. Sich über größere Strecken fortzubewegen wird hier zum Problem, da Uber nicht zuverlässig funktioniert. Die Fahrer kommen oft einfach nicht oder Uber ändert den Abholort um mehrere Hundert Meter, sodass wir NICHT in der Unterkunft/dem Café/dem Lokal warten können, bis es da ist, sondern raus müssen auf die Straße, wo die Leute sich wieder wortwörtlich auf uns stürzen.

Leider stellen wir diese Unzuverlässigkeit Ubers erstmalig fest als wir noch im Dunkeln unterwegs sind (da der Plan ja war eben NICHT draußen unterwegs zu sein, sondern sich mit dem Taxi abholen zu lassen). Aber der Uber Fahrer kommt nicht. Also greifen wir irgendwann auf ein Tuktuk am Straßenrand zurück. Der fährt uns dann aber nicht wie gewünscht zu unserem Homestay, sondern zu dem Geschäft eines „Cousins“, wo wir etwas kaufen sollen. Wir lehnen bestimmt ab. Wir wollen nach Hause. Der Cousin kommt uns unangenehm nah, zeigt uns Exemplare seiner Schmuckstücke auf Facebook/Instagram/Tripadvisor ich weiß es schon nicht mehr. Wir beharren darauf jetzt weiter fahren zu wollen. Der Fahrer stellt den Motor ab. Ich bekomme ein ungutes Gefühl… Er beginnt gemütlich eine zu rauchen. Dann will er mehr Geld. „Wir steigen jetzt aus“ sage ich zu Franzi und verlasse das Fahrzeug. Sie folgt mir. Zu Fuß sind es knapp 20 Minuten nach Hause, wenn wir an der Hauptstraße entlang laufen anstatt wie tagsüber im Hellen die kleinen Seitengassen zu nehmen. Wir laufen los. Der Taxifahrer folgt uns. Er will uns jetzt doch für den ursprünglich vereinbarten Preis fahren. Wir lehnen energisch ab. Für kein Geld der Welt steige ich da wieder ein. Er wird wütend. Will Geld haben für die Strecke, die er uns bereits gefahren hat. „Ich zahle doch kein Geld für eine Leistung, die ich nicht bekommen habe!“ schleudere ich ihm entgegen. Jetzt werde ICH wütend und ich merke wie gut das tut, weil es dabei hilft nicht von der aufkommenden Angst übermannt zu werden. Wir beschleunigen unsere Schritte. Das Tuktuk fährt noch eine ganze Weile neben uns her, irgendwann gibt der Fahrer auf und verschwindet. Wir eilen durch die Dunkelheit nach Hause. Auf den Straßen sind überhaupt keine Frauen mehr unterwegs, Touristen sowieso nicht. Wir werden von allen angeschaut, was tagsüber schon befremdlich und nachts einfach nur unheimlich ist. Irgendwann erreichen wir das Homestay, verriegeln von innen das Tor, sinken noch im Innenhof auf die erste Bank. Das war richtig scheiße. Mir ist zum Heulen zumute und ich atme ein paar Mal tief durch. Spüre wie mein Puls sich wieder verlangsamt. Künftig sind wir wieder in der Unterkunft bevor es dunkel wird, sind wir uns einig.
Vielleicht war das ganze Szenario überhaupt nicht gefährlich und die Angst vor allem im Kopf. Vielleicht aber auch schon. Es hat sich bedrohlich angefühlt und ich brauche das nicht nochmal.

Am nächsten Morgen sind wir pünktlich um sechs Uhr zur Öffnung der ersten Kassen am Taj Mahal. Wir wollen rein, bevor die ganzen Touri Busse aus Delhi einfallen und außerdem möchten wir den Sonnenaufgang über dem Mausoleum sehen. Haha. Ha. Dass es da bei dem Smog nichts zu sehen gibt, hätten wir uns eigentlich denken können.

Morgens um 6 Uhr am Taj Mahal
Der erste Blick…
Der traurigste Sonnenaufgang aller Zeiten


Trotz der frühen Uhrzeit ist bereits wahnsinnig viel los. Überall sind Fotografen, die uns anbieten Fotos von uns zu machen, was wir immer wieder sehr beharrlich ablehnen müssen. Wir schießen selbst ein paar Bilder (was wirklich schwierig ist, da man schon nah ran muss, um das Bauwerk durch den Smog klar zu erkennen) und stellen uns dann in die Schlange zum Eingang in das Grabmal. Um dieses nicht zu beschmutzen, müssen alle Schoner über ihre Schuhe ziehen. Was ich angesichts der massiven Luftverschmutzung, die dem Gebäude viel mehr zusetzt, etwas lächerlich finde, aber nun gut. Das elfenbeinfarbene Marmorgebäude sieht sehr elegant aus und ist mit wunderschönen Ornamenten aus roten Blüten und grünen Blättern verziert. Wie viel schöner es noch aussehen würde, wenn es sich von einem strahlend blauen Himmel abheben könnte…

Taj Mahal
Unfassbare Menschenmengen
Wunderschöne Ornamente

Um neun Uhr verlassen wir die Anlage wieder und vor uns liegt ein langer Tag, da wir abends um 21 Uhr mit dem Nachtzug weiter nach Varanasi wollen. Wir frühstücken noch in der Unterkunft und müssen dann um elf Uhr auschecken.

Indisches Frühstück

Danach wissen wir nicht so richtig wohin mit uns. Wir haben keine Lust auf Sightseeing. Durch die Stadt zu schlendern und sich treiben zu lassen macht in Agra aus den genannten Gründen einfach keinen Spaß. Und es ist auch wirklich keine schöne Stadt, alles ist sehr herunter gekommen und dreckig. Abgesehen vom Taj Mahal hat Agra wirklich nicht viel zu bieten. Eigentlich würden wir gerne noch etwas Schlaf nachholen, aber ein Zimmer haben wir nicht mehr. Also packen wir mein dünnes Strandtuch und unsere Bücher ein und machen uns auf die Suche nach einem Park, wo wir einfach ein bisschen abhängen können. Wir finden zwei. Bei beiden gibt es Einlasskontrollen. Bei beiden ist es verboten Bücher mitzunehmen und wir werden gebeten, diese in zur Verfügung stehende Spinde einzuschließen. Warum, erklärt man uns nicht. Wir sind genervt, werden auch schon wieder von so vielen Leuten belagert. Ein fehlender Rückzugsort kann unerträglich sein wie ich merke. Ich möchte einfach nur meine Ruhe.

Irgendwann findet Franzi online ein sehr gemütlich wirkendes Café. Wir fahren dorthin und verbringen dann da einfach den ganzen Tag. Wir legen die Füße hoch, lesen, trinken ohne Ende Chai Tee und snacken uns durch die Karte. Müssen mit niemandem reden, niemanden abwimmeln, atmen durch. Ich glaube das sind meine schönsten Stunden in Agra.

Gemütlicher Nachmittag im Café

Abends holen wir unsere Backpacks aus dem Homestay ab und fahren mit Uber (es funktioniert!) zum Bahnhof. Wir wollen weiter nach Varanasi, der heiligen Pilgerhauptstadt Indiens. Neun Stunden im Nachtzug liegen vor uns. Dazu beim nächsten Mal mehr…

3 Kommentare

  • Tina

    Liebste Elena und natürlich auch Franzi,

    eeeeendlich endlich kann ich den Blog wieder lesen und bin so beeindruckt. Was ihr erlebt, reicht für ein ganzes Leben und noch mehr.
    Mit den besten Wünschen, bleibt gesund und vertraut weiterhin auf eure Instinkte, grüße ich euch von Herzen ❤️

  • Heike

    Liebe Elena, liebe Franzi,
    es ist wieder einmal so interessant und spannend von euch zu lesen und euch auf eurer Reise zu begleiten.
    Elena, du schreibst so toll!! Ich fühle mich oft als ob ich mit dabei wäre 🙂
    (über manches bin ich natürlich froh, dass ich es erst im nachhinein erfahre)
    Dass selbst ein Inder jeden Tag überwältigt ist, wie muss es euch erst ergehen mit all dem was ihr seht, hört, riecht, schmeckt….
    Ich wünsche euch weiterhin eine wunderbare Zeit. Warte immer sehnsüchtig auf den nächsten Blogeintrag!
    Bleibt gesund und passt gut auf euch auf!
    Habe euch lieb
    Mama / Tante

    • Franzi

      Danke Heike❤️ wir passen weiter gut aufeinander auf und erleben sicher noch das eine oder andere Abenteuer 😄
      Hab dich auch lieb😘

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